03.06.2024 – Interesse und Bedürfnis in Zeiten kollabierenden Weltgeschehens


Hängt in der Bar Galander bei mir um die Ecke im Kreuzberger Yorckkiez. Schöner Text, hätte es genauso geschrieben. Diese Klage über ex-linksalternative Spießer, die früher auf Demos Steine geworfen haben, das linksradikale Maul über alle Ohren aufgerissen haben und heute reaktionäre, kriegstreibende Ex-Außenminister sind, die in ihrem schicken Altbau-Kiez nur noch eins haben wollen: Sicherheit durch Ruhe, Recht und Ordnung, stammt keineswegs von einer Radaulokalität wie dem „Trinkteufel“ oder dem „Jodelkeller“ aus SO 36, sondern aus dem stilvollen, schicken, gentrifizierten Teil Kreuzbergs, SW 61. Das Galander hat ein exklusives Getränkeangebot in einem überaus charmanten und eleganten Ambiente. Übrigens keinesfalls überteuert, ein Kessler Hochgewächs Chardonnay Sekt für 8 Euro gibt von der Preisgestaltung keinen Grund zur Klage. Auf dem Karneval der Kulturen mussten für einen Proll-Aperol schon 9 Ocken abgelatzt werden, eine Unverschämtheit. Wir können beim Galander also davon ausgehen, dass dort keinesfalls Horden grölender und Flaschenwerfender Punks bis ins Grauen des Morgens auf dem Bürgersteig die Nachbarschaft peinigen.
Und trotzdem gibt es auch dort schon Klagen von einer Nachbarschaft, die besser auf den Zentralfriedhof passt. Natürlich ist das nicht mein Stammlokal, das ist und bleibt bis zum bitteren Ende der „Hades“ bei uns im Haus, Flasch Bier einsfuffzich und Pizza 8 Euro. Ich weiß nicht, ob im Galander Wohlstands-Nazis aktuelle Deutschland Klassiker grölen. Ich war zweimal drin, nach dem Motto: Über den eigenen Glasrand zu schauen, kann nicht schaden, und kann die Klientel nicht wirklich beurteilen, aber die beredte Klage oben im Schaufenster spricht für sich und könnte so auch in vielen anderen Kiezen der Republik hängen.
Die hier skizzierte Entwicklung ist nicht neu und Teils eines umfassenden und uralten Generationenkonfliktes. Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche.
Eine – offene – Frage für mich dabei: Wie wirkt sich das aktuelle jahrelange Dauerkrisen-Geschehen auf diesen Konflikt aus, wie prägt es das nachbarschaftliche Zusammenleben? Wenn allenthalben über die Verrohung der Gesellschaft geklagt wird, eine Entzivilisierung, dann hat das nicht nur mit dem politischen Rechtsruck, der Faschisierung zu tun, sondern auch mit Mikroprozessen, in der Psyche der Beteiligten, in der Kleinstruktur der Kieze, in den Wohnungen, Kneipen, auf den Plätzen.
Und wir haben es bei diesem Galander-Konflikt mit einem klassischen Widerspruch von Bedürfnis und Interesse zu tun. Die Anwohnenden dort haben ein ausgeprägtes Ruhebedürfnis. Das existiert, unabhängig davon, ob das ein „falsches“ oder „richtiges“ Bedürfnis ist. Aber ist es auch ihr Interesse, dass irgendwann keine Kneipe, kein Italiener mehr im Kiez existiert, weil alle wegen Lärm dicht gemacht wurden?
Ich habe z. b. aktuell das Bedürfnis, in den Süden zu fliegen, dieser nasskalte Dauerregen aktuell ist schön für den Garten, aber nicht für mein Gemüt. Mein Bedürfnis ist Sonne, Licht, Wärme, Meer, Luft, etc. pp., die ganze Palette, die es hier nicht gibt zurzeit. Und nein, ich habe nicht das Bedürfnis, am hiesigen Meer in den zwei Sommermonaten, die es hier gibt, mit Milliarden Ostgoten in der Ponybar auf Sylt oder sonst wo auf Rügen das deutsche Liedgut zu pflegen, nur weil ich da mit der Bahn hinkomme. Eine Zugreise nach Korfu dauert mehrere Tage. Bleibt der Flieger. Also ist mein Bedürfnis ein „falsches“, weil es aus ökologischer Sicht kontraproduktiv ist? Wer befindet in letzter Instanz darüber, was „richtige“ und „falsche“ Bedürfnisse sind und was passiert, wenn „falsche“ Bedürfnisse staatlich und gesellschaftlich sanktioniert werden? Wenn also Fliegen teurer wird, unbezahlbar für Millionen, die schon jetzt ihren Haushalt, ihren Urlaub auf Kante genäht haben? Das wird eine Veranstaltung, bei der ich unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen nicht dabei sein möchte.
Aus dem Bedürfnis-Dilemma kommen wir nur raus, wenn wir die Kategorie des „Interesse“ einführen. Im konkreten Fall sollte also das Überleben des Planeten, eine gesündere Umwelt in meinem Interesse sein und ich sollte mich meinem Interesse gemäß verhalten.
Eine sehr schöne Vorstellung. Eine ähnlich schöne Vorstellung wäre eine Gesellschaft, bei der die Menschen bei den folgenden Wahlen ihrem Interesse gemäß wählen werden.
Schaun mer mal.
An diesem kleinen Beispiel, einem klassischen Dilemma, entfaltet sich die ganze düstere Pracht meiner dystopischen Weltsicht. Bleibt die Frage, ob es eher meinem Bedürfnis oder meinem Interesse entspricht, demnächst im Hades diverse Biere für einsfuffzich zu verklappen, bis Weltschmerz und Ekel in Heiterkeit und Frohsinn sich wandeln.

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