08.07.2024 – Volksfront

Lieber Hammern und Sicheln statt Jammern und Picheln. In Frankreich hat die Volksfront die Wahl gewonnen. Das ist ebenso überraschend wie positiv. Was im Falle eines Sieges der Franzosen-Nazis passiert wäre, lässt sich bereits jetzt auf kommunaler und regionaler Ebene da ablesen, wo der RN an der Macht ist. Kulturelles tabula rasa, missliebige Bücher raus aus den Bibliotheken, Mittelstreichung für widerborstige Kulturzentren, Organisationen, Projekte, Theater. Das hat bereits jetzt die Kulturszene in der sonst so widerborstigen Kulturnation Frankreich derart in Panik versetzt, dass sie in schweigende Schockstarre angesichts existentieller Jobbedrohungen vor den Wahlen verfallen war

Das kann in Deutschland nicht passieren. Da hat sich die Kulturszene schon seit Jahren politisch selbst kastriert. Mit einer Ausnahme: Wenn es um Antisemitismus geht, lässt sie sich von niemandem übertreffen.

Vielleicht kommen aber die Kulturbolschewisten jetzt aus ihren feigen Löchern und positionieren sich pro Volksfront. Wetten würde ich darauf nicht.

Volksfront als Zusammenschluss aller linken Strömungen und Parteien war früher ein magischer Mythos. Die Linken versetzte diese Utopie in hoffnungsvoll-kämpferische Euphorie, das Bürgertum in mörderische Wut. Wo sich Volksfronten abzeichneten oder realisiert wurden, griffen CIA, befreundete Organisationen und das Kapital ein, ermordeten die Protagonisten selber, zettelten Staatstreiche mit mörderischen Folgen wie in Chile an, unterstützten Bürgerkriege wie in Spanien oder reisten mit Koffern voller Geld zur Unterstützung der Konterrevolution an, wie die SPD im Falle Portugals nach der Nelkenrevolution.

Die mörderische Wut in Teilen des Bürgertums rührte nicht nur aus der vermeintlichen Bedrohung ihres Privatbesitzes, ihrer Großkonzerne und des Kapitals, sondern auch aus der für sie alptraumhaften möglichen Umwidmung ihrer Werte und Normen. Konsequente linke Umwälzungen der Gesellschaft würden auf allen Ebenen stattfinden. Das vermeintliche Ende der bürgerlichen Ehe, von Paarbeziehungen und Monogamie, welche historisch gesehen ja nur eine Ausnahmeregelung der Geschichte waren  und keinesfalls ewige gottgewollte Ordnung, stünde vor der Tür, selbst das Ende des Staates als ewigem Agenten ihrer Interessen, kurz: Der Untergang des christlichen Abendlandes.

Zur Verhinderung dieser Apokalypse flossen Ströme von Blut.

Heutzutage lockt eine Volksfrontmehrheit keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor. Deren Chef ist ein veritabler Antisemit und die Forderungen stellen nicht den Untergang des Abendlandes dar: Erhöhung des Mindestlohnes, Absenkung des Renteneintrittsalters, Einfrieren der Preise für Grundnahrungsmittel und Energie, Beteiligung der Superreichen an der Finanzierung des Gemeinwesens. Zur Verhinderung von solchen Lächerlichkeiten werden heutzutage keine Killerkommandos mehr in Marsch gesetzt, sondern die Märkte. Die Renditen für französische Staatsanleihen, also für die Kredite der Staatsfinanzierung, werden steigen, die Verschuldung nimmt zu und mögliche Reformen fallen wegen Geldmangels ins Wasser der sauberen Seine. Das sorgt für Volks-Verdruss und dann schlägt die wahre Stunde des RN. Denn schuld an allem werden die Ausländer sein….

Aber immerhin ein rosa Streif am Horizont: Wenn schon keine andere Welt in den heutigen Zeiten mehr möglich ist, dann wenigstens andere Mehrheiten. Vive la France! Und ich muss mir jetzt überlegen, ob ich im Halbfinale zum Franzmann halten soll. Eigentlich galten meine Sympathien ja dem Zerschmetterer der Ostgoten, dem stolzen Spanier. Tja.

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