
Schnellzuglok der Baureihe 12, ölgefeuert. 1940 in Betrieb genommen. Im Rahmen der Elektrifizierung des DB-Streckennetzes wurde der Betrieb auf den letzten Strecken in den 70ern eingestellt. Die Ölkrise 73 gab dem schnaufenden Ungetüm den Rest.
Ich kann mich noch daran erinnern, Jahre vorher als Pöks bei Oma im Hühnerhof gestanden und vor freudiger Angsterregung gezittert zu haben, wenn dieses gigantische Monster zweimal am Tag qualmend, vielleicht noch mit Kohlen befeuert, laut hupend von Ferne herandonnerte, die Pleuelstangen hämmerten einem endlosen Schlagzeugsolo gleich ein regelmäßiges Stakkato in die Eichsfelder Weizenäcker und Kartoffelfurchen. Dann verschwand der Titan direkt an den pickenden Hühnern und mir vorbei in Richtung Zonengrenze. Wie sich sowas ansah und hörte, kann hier ansatzweise nachvollzogen werden
Es gab noch zwei Deutschländer. Eine schöne Zeit. Parallel zum allmählichen Verschwinden der Baureihe 12 entwickelte sich in der BRD eine radikale linke Szene. Deren zahllose untereinander tödlich verfeindete Fraktionen und Splittergruppen zwei Ideologien gemein hatten: Zum einen den Hass auf die jeweilige Bruder-Splittergruppe im Marxschen Geiste und zum anderen den Wahn, dass in der BRD der Faschismus vor der Tür stünde. Was damals, im Goldenen Zeitalter des Kapitalismus, real vor der Tür stand, war die nächste Lohnerhöhung von 10 Prozent, die Ausweitung der betrieblichen Mitbestimmung, die Modernisierung des Scheidungsrechtes, zaghafte Ansätze zur Liberalisierung des § 218, die zweite Welle der Frauenbewegung, eine emanzipatorische Sicht auf Kindererziehung usw. usf.
Heute steht der Faschismus realiter vor der Tür, die Protagonistinnen von damals sind bestenfalls tot, im Normalfall alt, entpolitisiert und reaktionär.
Vor zwei Jahren fanden Demos gegen Rechts auf den Straßen statt, mit Zehntausenden. Bürgerliche Latschdemos mit peinlichem Hang zum schulterklopfenden Selbstbeweihräuchern. Ungefähr so nachhaltig, als ob ich meinen Namen in den kommenden Schnee pinkele.
Auf der antifaschistischen Seite jenseits der Narrenkappen und Pappnasen gibt es neben den lobenswert Radikalengagierten eine wiedererstarkte Partei „Die Linke“. Die hat ihre Mitgliederzahl im letzten Jahr verdoppelt. Lobenswert. Nur wird die Linke dadurch nicht ihr Antisemitismusproblem los, vermutlich eher im Gegenteil. Bei den antisemitischen Demos in Kreuzkölln in den letzten Jahren habe ich eine wachsende Zahl junger autonom angehauchter Eingeborener beobachtet, potentielle Linken-Klientel. Wer allerdings Antisemit ist, egal, ob links, rechts, migrantisch, aus der Mitte, taugt niemals zum antifaschistischen Widerstand. Im Tunnel isses duster, sagte der alte Schrankenwärter aus dem Eichsfeld an der B 247 damals immer.
Und was hat nun das Verschwinden der Baureihe 12, mit paralleler Entwicklung der Bahnelektrifizierung, mit dem Aufkommen der radikalen Linken zu tun und mit meiner Angsterregung als Pöks auf dem Hühnerhof?
„Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes“. Lenin, kurz nach der Oktoberrevolution. Die Energieströme, die Staat, Gesellschaft und unsere Körper durchfluten, bestimmen den Zug der Zeit . Die Ströme können vielfältig sein, elektrische Energie, Datenstränge, Informationen, aber auch Emotionen wie Angst, Hass, Erregung. Was am Ende hinten rauskommt, am anderen Ende des Tunnels, um mal eine etwas schräge Metapher in die Bloglandschaft zu zimmern, hängt vom Zug der Zeit ab. Sowjetmacht war mal. Heute läuft es auf Faschismus hinaus.
Der andere Zug der Zeit heißt nun nicht mehr Baureihe 12, sondern ICE 843 und verkehrt still und leise zwischen Hannover und Berlin im Stundentakt. Meint: Er kommt regelmäßig mindestens eine Stunde zu spät. Wenn er nicht gerade ausfällt.
Was haben wohl die Eisenbahner der Baureihe 12 und anderer Loks im Kopf gedacht und im Herz gefühlt, als sie täglich Tausende von Menschen, oft in Viehwaggons, nach Auschwitz transportierten? Und mit leeren Zügen wieder zurückfuhren. Menschenleer. Totenstill.