
Sehr schlechte Luftqualität, kurz vor Vollausschlag. Gestern 16.22 Uhr, Messstation Hannover, Am Lindener Berg. Inmitten von Kleingärten. Und einem Friedhof. Gelungener Standort-Humor.
Luftlinie ca. 300 Meter von mir entfernt. Da kriegt das Wort Luftlinie eine ganz neue Qualität. Würde bei mir vor der Tür gemessen, müsste man eine neue Kategorie in den Index einführen, sowas wie „Schwer gesundheitsgefährdend“. Am Fenster meines Arbeitszimmers rauchen täglich über 20.000 Autos vorbei. Ich wollte schreiben „rauschen“. Aber das lass ich mal so stehen.
Jedes Mal, wenn ich mir sage: „Mal lüften. Frische Luft reinlassen.“, kriege ich einen Erstickungsanfall. Im Moment noch vor Lachen, ich habe nämlich einen gesunden Humor. Wer weiß, wie das in 5 Jahren ist. Was dann die Ursache für den Erstickungsanfall ist und wo der „gesunde“ Humor geblieben ist. Was mich tröstet: Woanders ist es schlimmer. In Neu-Delhi z. B.
Und vor der Haustür meines Berliner Domizils in der Yorckstr. Da fahren ca. 50.000 Autos am Tag durch. Die Yorckstr. gilt aufgrund des extrem hohen Verkehrsaufkommens, permanenter Lärmbelastung und hoher Abgaswerte als „gefährlich“ im Gesundheitssinne. Chronischer Lärmstress steigert das Risiko, dass Herzkranzgefäße verkalken, es zu einem Schlaganfall oder Herzinfarkt kommt. Später entstehen dann oft noch Herzschwäche und Herzrhythmusstörungen. Von Demenz ganz zu schweigen. Hatte ich ganz vergessen.
Nicht Cholesterin oder hoher Blutdruck sind „unsere“ zentralen Herzprobleme. Da redet in ein paar Jahren kein Mensch mehr von. Wobei die Cholesterinhysterie sowieso überwiegend ein fantastischer PR-Scoop der Cholesterinlobby ist, die mit der so erzeugten Cholesterinpanik gigantische Milliardenumsätze mit ihren Blockbustern in den letzten Jahrzehnten erzielt hat. Natürlich ist es sinnvoll, den LDL-Wert, das „schlechte“ Cholesterin, zu senken. Aber sinnvoll es natürlich auch, flankierend Sport zu treiben, kein Fleisch zu essen, keinen Alkohol zu trinken und nicht zu rauchen. Was man halt alles so machen sollte (zu Recht!), wenn man der Ideologie der Individualisierung von Gesundheitsvorsorge anhängt.
Sinnvoller, individuell gesundheitsfördernder und vor allem nachhaltiger und kostensenkender für den Zustand von Public Health (vulgo Bevölkerungsgesundheit) wäre es allerdings, ginge man die strukturellen Risiken an, wie eben Lärm- und Feinstaubexposition. Das sind die hauptsächlichen Friedhofsfüller. Dann aber müsste sich der Gesetzgeber mit der Auto- und Flugzeuglobby anlegen, denn das hieße: Autos raus aus den Cities und Inlandsflüge verbieten. Verboten werden müssten auch Holzheizungen. Holzöfen stoßen über 20 % der Feinstaubemissionen aus in Deutschland, soviel wie der gesamte Straßenverkehr.
Das erste Gebot in der BRD aber lautet: Freie Fahrt für freie Bürger. Und keine sozialistische Bevormundung beim Heizen. Kümmere Dich selbst um Deine Gesundheit. Zahle gefälligst auch selbst dafür. Staatliche Vor- und Fürsorge ist Sozialklimbim von vorgestern. Wer früher stirbt, ist selber schuld, wenn er arm ist und es sich nicht leisten kann, auf dem Lande zu wohnen, weil da kein ÖPNV mehr verkehrt.
Stopp! Denkfehler. Eine frohe Botschaft, für alle, die sich kein Häuschen auf dem Lande, in der Natur leisten können. 40 Prozent der feinstaubbedingten vorzeitigen Todesfälle in Deutschland sind auf Ammoniakemissionen aus der Landwirtschaft, vor allem aus Gülle und Tierhaltung, zurückzuführen. Und die Lebenserwartung auf dem Land ist eh kürzer, weil man da im Alter im Notfall schon Kompost ist, bevor der Arzt kommt. Denn nicht nur die medizinische Infrastruktur in Güllistan ist verheerend. Sowas wirkt signifikant lebensverkürzend.
Ich könnte natürlich in eine Kleinstadt ziehen, weg aus der Großstadt und die Natur vermeidend. Ich erinnere mich allerdings an meine Gemütsverfinsterungen, wenn ich früher, auf Dienstreisen, in Kleinstädten auf den Bahnhöfen ankam. Ich verfiel jedes Mal allein auf Grund der dort herrschenden niederdrückenden, niederträchtigen, kulturfernen Friedhofs- Atmosphäre umgehend in schwerste Depressionen und mußte sofort diverse Upper einwerfen, um das auch nur für ein paar Stunden zu überleben. Dann lieber aufrecht in der Yorckstr. dement und erstickend mit einem Herzinfarkt umfallen.
So, jetzt habe ich es endlich mal geschafft, mich nicht mit dem Kapitalismus rumzuzanken. Wobei …. Der medizinisch-industrielle Komplex, die Individualisierung von Risiken, der Rückzug des Staates aus Verantwortung, Infrastrukturen und Vorsorge… hat das nicht auch irgendwie mit Kapitalismus zu tun … ?
Es reicht. Ich muss mal lüften.