20.12.2017 – Skepsis, Pessimismus, Zynismus

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Das ist ein Teil der größten innerstädtischen Baustelle der BRD, das Ihme-Zentrum. Wenn ich aus meiner Haustür trete, blicke ich direkt drauf und bete, dass dieser monströs-marode Klotz nicht in dem Moment umfällt, wenn ich vorbei radle. Mich erinnert sein Anblick an unsere spätbürgerliche Gesellschaft: von außen und von weitem noch einigermaßen hui, aber je näher man kommt, desto pfui und ist man erst mal drin, Heiliger Bimbam! Was für ein Verfall! Das Ding ist unrettbar verloren, komplett marode, mittlerweile bemüht man sich noch nicht mal um einen Eimer Farbe, um den Verfall zu übertünchen. Die Ex-Eigentümer haben den Komplex der Reihe nach abgezockt, dann das Weite gesucht und seine Insassen ihrem Schicksal überlassen. Ab und zu wird ein riesiges Werbeplakat für irgendwelchen Müll an die schäbigste Außenseite gespannt.
Das Politisieren, zu dem ich früher eher nicht neigte, nimmt zu. Wichtige Gespräche bei Fachtagen, Kongressen etc. pp. finden ja meist in den Pausen, bei einer Tass Kaff und auf den Gängen statt. Früher habe ich das Fachlich-dienstliche dann in präziser Kürze verhandelt und mich ansonsten lieber um „Menschliches Allzumenschliches“ gekümmert. Mittlerweile bin ich beim Politisieren dabei, ein finsteres Zeichen.
Es gibt eine klare Tendenz bei den meisten Gesprächspartnerinnen – und es geht hier nicht um Angehörige der Linken, sondern um seriöse Leute, wie Leiter von interdisziplinären Forschungsinstituten und so Zeug – was die gesellschaftliche Entwicklung angeht: Skepsis, Pessimismus, Zynismus. Was sie in dieser ausgeprägten Form in ihren Veranstaltungs-Impulsen oder auf dem Podium in dieser Form kaum je formulieren. Tendenz: Der Neoliberalismus hat auf ganzer Front gesiegt, die letzte rotgrüne Regierung trägt massive Verantwortung dafür, der Rechtsruck in unserer Gesellschaft wird dem Muster anderer westlicher Demokratien und postdemokratisch verformter Osteuropa-Staaten folgen. Gerne auch: Solange in der SPD die Riege der Agenda 2010 Apologet*innen noch das Sagen, ist ihr Niedergang nicht aufzuhalten.
Da bin ich dann immer grundsätzlich anderer Meinung: Die SPD kann machen, was sie will – sie hat fertig. Da nützt auch der aktuelle Versuch von Siggi Pop nichts, die SPD rechts von der AfD zu positionieren. Da ist schon die FDP. Und an die wanzen sich die Grünen gerade ran, mit ihrem wirtschaftsliberalen Green New Deal. Dabei ist die AfD ist noch keine 100 Tage im Bundestag. Pantha rei, wie der Grieche sagt, alles fließt. Aber leider den Bach runter….
Aber toll finde ich, wie einzelne Akteure sich immer wieder auch auf der Mikro-Ebene bemühen, dem Marsch von der spätbürgerlichen in die postbürgerliche Gesellschaft, dem Verfall etwas entgegenzusetzen.
Mit Unterstützung des hiesigen Kulturbüros und des Kulturdezernats finden zum Beispiel im Ihme-Zentrum immer wieder kleine Events statt, die versuchen, Leben in diesen postmortalen Kadaver zu hauchen, wie der alternative Weihnachtsmarkt am letzten Wochenende.
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Mit einer Lichtinstallation, die ich einfach schön fand. In diese unwirtliche Atmosphäre wurde für flüchtige Momente ein Hauch von Poesie gezaubert, ein Moment zum Innehalten und Staunen. Kunst.
Aber kaum ist man draußen, setzt der Verstand wieder ein. Oje.

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