
Früher: Blick aus meinem Fenster in den Achtzigern.
Bei mir nebenan ist ein Italiener, den ich manchmal frequentiere, wenn der Kühlschrank leer ist und ich keine Lust auf Styling und Maske wegen Essen gehen habe. Dann schlappe ich in Puschen dahin, zieh mir ne Pizza rein, trinke ein Glas Weißen, halte Schwätzchen mit Wirtsleuten oder eventuell ebenfalls dort abhängenden Nachbarn. In Puschen zur Pizza, das ist ein Bild, das geografische Nähe verdeutlicht. Zeitgemäß wäre eher die Aussage: Mein Italiener liegt so nahe, dass ich da noch in meinem WLAN bin. Technologische Veränderung prägt Bewusstsein und Sprache bis in den Alltag hinein. Beim Italiener selber ist die Zeit stehen geblieben. Chianti Flaschen im Korb und mit diesem gewundenen Hals stehen da noch. Die Dinger heißen, glaube ich, Fiasco und schmeckten auch so. Heute würde ich mit sowas noch nicht mal mein Klo desinfizieren, aber Früher …Dann spielt da immer dieselbe Cassette aus den Achtzigern, mit Toto und so Zeug. Ich kann mittlerweile die Gleichlaufschwankungen der Cassette mitsingen. Ich höre auch nur noch Cassetten Zuhause, aber aus Gründen der Avantgarde, Cassette kommt vor Schallplatte! Mein Italiener dagegen ist konsequenter Modernisierungsverweigerer, käme ich mit dem Ansinnen, er solle doch einen CD-Player installieren, würde er sicher einen Exorzismus veranstalten: Apage Satanas.
In dem Laden wird mir immer ganz romantisch ums Gemüt und ich denke an Früher.
Dann trinke ich einen Schluck vom Weißen und die ganze Romantik ist im Arsch. Heiliger Bimbam, was für ein Gesöff! Immer noch die gleiche Qualität wie in den Achtzigern. Ich kippe dann immer heimlich, damit niemand beleidigt ist, Aceto in den Wein. Dann geht er besser runter. Von wegen Früher war alles besser. Aber die Pizza ist toll und ich liebe meinen Italiener.
Und ist Heute denn alles besser?
Die dauernde Konfrontation mit Unwissenheit, Ressentiments und schlichtem reaktionären Dumpfbackentum macht urlaubsreif vom Morgen bis zum Abend. Zumal man weiß, dass Aufklärung, Argument und Ratio da gar nichts bewirken. Kleiner Exkurs: Wie wird Antisemitismus produziert? Der gemeine Doitsche weiß: Der Jude ist ein Kriegstreiber, Israel der permanente Aggressor „da unten“ und der Palästinenser und der Araber will doch nur Frieden und Freiheit. Woher weiß der Doitsche das? Aus dem hiesigen Fachblatt für Leute mit mittlerer Reife, der HAZ, zum Beispiel. Überschrift vom 19.12.2017:
„Israel fliegt Angriffe auf Gaza-Streifen“
Aha. Der Jude wieder, weiß unser gemeiner Doitscher. Und geht beruhigt seinen Alltagsgeschäften nach.
Der Text in der HAZ geht dann so weiter:
„Nach neuen Raketenangriffen militanter Palästinenser auf den Süden Israels haben israelische Kampfflugzeuge in der Nacht zum Montag Ziele im Gazastreifen beschossen.“
Ich erlaube mir, das, was die HAZ da macht, einen Schweinejournalismus zu nennen. Entweder ist es pure Dummheit, die Opfer der palästinensischen Aggression in der Überschrift zu Tätern zu machen, oder es ist ressentimentgeladene Niedertracht.
Und so geht das seit Jahren. Ich stelle mir gerade vor, von polnischem Staatsgebiet aus würde seit Jahren ein Hagel von Raketen auf die Häupter der gemeinen Doitschen regnen.
Nein, das stelle ich mir lieber nicht vor….
Ich bin es zwar leid mit Antisemiten zu argumentieren. Aber es gibt eine Menge Sachen, die Heute auch noch toll sind. Mein Italiener zum Beispiel. Und das hier

Heute: der gleiche Blick aus meinem Fenster. Jedenfalls im Sommer.
21.12.2017 – In Puschen zur Pizza
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