04.05.2018 – Genug politisiert

selbsterkenntnis
Selbstbespiegelung. Bild aus der Frankfurter Rubens-Ausstellung im Städel
Der 1. Mai ist für Traditionalisten immer wieder Anlass zum Politisieren und sollte auch einer zur Selbstreflexion der eigenen Verortung als zoon politikon sein. Aber spätestens am 4. Mai ist dann auch mal gut und ich wende mich den angenehmen, denn das Räsonieren über Politik ist in Zeiten des allgemeinen Verfalls eine unangenehme Beschäftigung, Seiten des Lebens zu. Zum Beispiel den nahenden Sommertagen, in denen der bunte Kiez in dem ich wohne, zu noch prallerem Leben sich aufschwingt als ohnehin. Zur Freude und zum Entzücken meiner Kumpels, die hier in den Einflugschneisen der hiesigen Clubs wohnen. Unvergessen die Szene, die mir ein geplagter Kumpel schilderte, unter dessen geöffnetem Fenster ein Testosteronentflammter Romeo auf eine vermutlich gerade kennengelernte Julia vernehmlich und hartnäckig einwirkte in Richtung Vollzug des gemeinsamen Coitus. Irgendwann platzte meinem Kumpel der Kragen und er brüllte nach unten:
„Herrgott, jetzt lass ihn doch endlich mal ran, damit ich pennen kann!“
Oh, Du praller Kiez, welche Geschichten schreibst Du in diesem Sommer!?
müll
Diese hier zum Beispiel, einen Steinwurf von mir entfernt.
Ich weiß, es sind die Verhältnisse, die den Menschen zum Dreckspatz machen. Das Schwein bestimmt das Bewusstsein. Aber zu der Erkenntnis muss sich das Hirn bei diesem Anblick erstmal durchringen, wenn das Ästhetikzentrum sich gerade übergibt. Und schon sind wir wieder mitten drin im Politisieren.
Ich bin kein Kunsthistoriker, ich weiß noch nicht mal, wie das Rubensbild oben heißt und hab auch keinen Bock das jetzt zu googeln. Aber die Tatsache, dass Rubens in dem Bild oben zentral mit dem Moment der Selbstbespiegelung also der Selbstreflexion arbeitet, und zwar so, dass der Betrachter auch das Spiegelbild erkennt, scheint mir ein Paradigmenwechsel in der bildenden Kunst. Schließlich wird mit dem Moment der Selbstreflexion das moderne „Ich“ konstituiert, was zu Rubens Zeiten, wo alle Existenz noch auf Gott gerichtet war, eine Sünde gewesen sein dürfte. Wenn die Zensoren überhaupt gemerkt haben, was da abgeht.
Das Ich wurde eigentlich erst später Thema der Reflexion und der Kunst. Bis es dann in unseren Zeiten ein epidemisches Ausmaß annahm, das kein Vernunftbegabtes Wesen länger aushält. Genug lamentiert. Der Garten will bewässert, die Koffer gepackt werden, das Bewusstsein reduziert. S’ist Reisezeit.

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