04.09.2018 – Politischer Handstand oder so ähnlich


Bunt statt Braun Demo, Hannover, 03.09.
In einer liberalen Großstadt wie Hannover, die seit Jahrzehnten rotgrün geprägt ist und in der es keine nennenswerte rechte Szene gibt, gehört kein persönlicher Mut dazu, demokratische Gesinnung zu zeigen. Anders als in der Ostzone, wo das ein lebensgefährliches Risiko sein kann. Es war also sehr nett, das Wetter war angenehm, ich schwätzte mit Bekannten und machte mit dem geschätzten Freund und Kollegen Hermann Pläne für eine vollkompatibles Schild, das man auf Grund seiner umfassenden Abgeklärtheit und Stringenz auf allen Demos hochhalten kann. Bemerkenswert, was die Tante HAZ, das Zentralorgan des hiesigen Schnarchbürgertums, heute über die Demo schreibt:
„ … Doch an diesem Tag war nicht nur die linke Szene auf der Straße, sondern auch eher bürgerliche Konservative. Die Zivilgesellschaft hat gezeigt, wie vielfältig sie ist – und wie geeint sie auftreten kann, wenn jemand die Axt an ihre Wurzeln legen will….“
Die Autor*innen der HAZ sind, bis auf ein, zwei Ausnahmen, nicht die hellsten Lichter auf dem Leuchter und neigen bei Berichterstattungen über rechte Gewalt gerne zum üblichen Totalitarismusrempler gegen Links à la: „rechte und linke Chaoten gleichermaßen…“, damit ihre Klientel von jeglichem Anflug von Sozialismus-Kontamination gefeit ist. Daher kann man obige Formulierung durchaus mal anerkennend zur Kenntnis nehmen, in der bei Gefahr von Rechts auch schon mal Bürgertum und Linke subsummiert werden. Ist doch mal ein Anfang.
Kein Anfang, sondern ein Rückschritt beim aktuellen Widerstand gegen Faschismus sind Formulierungen wie „Es geht nicht um links oder rechts, sondern um politischen Anstand“ (Campino, Sänger der Toten Hosen). Anstand ist eine Kategorie der bürgerlichen Umgangsform, man hat den Anstand, einer Dame aus dem Mantel oder aus der Bluse zu helfen. Anstand ist keine politische Kategorie. Anstand kann jede für sich reklamieren, auch Nazis wollen anständige Deutsche sein. Der Widerstand gegen den Faschismus muss nicht rechts oder links sein, aber er muss eine Form der politischen Haltung sein.
Diese schrägen und falschen Begrifflichkeiten haben durchaus Konsequenzen im politischen Handeln. Siehe auch „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Diese Übersetzung von „crime against humanity“ ist entweder Dummheit oder Ideologie. Es muss natürlich „Menschheit“ heißen.
Menschlichkeit zeige ich, wenn ich einer Oma über die Straße helfe.
Da steckt System dahinter, die Identifikation von bürgerlichen Tugenden und Umgangsformen mit Kategorien des Politischen. Aber gut, dass wir mal drüber geredet haben.
Mein Lieblingsbild von der Demo ist das hier

Fahrzeuge für Angehörige des Repressionsapparates vor dem Fackelträger. (Nein, wir sagen nicht mehr „Bullenwannen“). Der Fackelträger ist eine Ikone faschistischer Skulptur Kunst und wurde mittels Info-Tafeln entnazifiziert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.