05.01.2026 – Kaufen, wenn Blut fließt

Schneemann. Teilansicht. Gelobt sei, was hart macht. Das dachten sich vermutlich auch jene Terroristen, die mit einem Anschlag auf das Berliner Stromnetz am Wochenende Krankenhäuser, Alten- und Pflegeheime und 45.000 Haushalte, also an die 100.000 Menschen, von lebenswichtiger Energie abtrennten. Das war und ist für viele Menschen lebensbedrohend, nicht nur für jene, die auf medizinische Notfallgeräte angewiesen sind. Da in Berlin Dauerfrost herrscht, sind ältere und gesundheitlich beeinträchtigte Menschen einem lebensgefährlichen Risiko ausgesetzt, wenn die Wohnungstemperaturen, wie geschehen, sich in Richtung 10 Grad bewegen. Viele Betroffene sind einsam, desorientiert, überfordert.

Die Bilanz des Terroranschlags wird sich erst Ende der Woche abzeichnen, wenn der Strom wieder fließt. Auf die Kollateral-Katastrophen als Folge des „bewährten“ Berliner Behördendauerchaos darf man gespannt sein.

Laut einem Bekennerschreiben sollen Linksextremisten dafür verantwortlich sein. Auch wenn sich ein bis ins Detail überzeugendes Bekennerschreiben in Sekundenschnelle mit ChatGPT erstellen lässt und hinter dem Anschlag also auch Russen, Chinesen, Nordkoreaner oder Donald Trump verstecken können, ist ein linksextremer Hintergrund nicht auszuschließen, er ist möglich bis wahrscheinlich.

Diese Möglichkeit wirft ein bezeichnendes Licht auf den Zustand der Linken, die sich immer mehr in ein Irrenhaus verwandelt. Was vielleicht auch auf Grund des irren Zustandes unserer Gesellschaft mit eine Ursache ist für den aktuellen Erfolg ihres parlamentarischen Arms. Immerhin liegt die Partei Die Linke in den Umfragen konstant über 10 Prozent, gleichauf mit den Grünen.

Was radikale Linke von extremistischen Linken trennt, ist die Gewaltfrage. Wann wird unter welchen Bedingungen gegen wen was für eine Art von Gewalt ausgeübt? Gewalt gegen Sachen, wie beim Anschlag 2024  gegen Tesla, ist das Eine. Auch wenn radikale Linke einen derartigen Anschlag in der Praxis eher nicht ausführen, würden sie ihn moralisch unter Umständen als illegal aber legitim bezeichnen. Der Anschlag vom Wochenende ist allerdings unter keinen Umständen legitim, weil er wahllos Schwache, Hilflose, Kranke betrifft und bedroht. Wenn er von Angehörigen der extremen Linken ausgeführt wurde, ist das eine Tat, die an den durchgeknallten Irrsinn der RAF erinnert. Die RAF ermordete zwar gezielt Repräsentanten des Systems, nahm aber Kollateraltote jederzeit billigend in Kauf. Moralisch verwerflich, politisch schwachsinnig.

Zur Erinnerung: Wahlloser Terror gegen Massen, um Chaos, Angst und Schrecken zu verbreiten als Grundlage für eine faschistische Machtübernahme, das ist normalerweise Kennzeichen von faschistischem Terror, wie beim Anschlag 1980 in Bologna mit 85 Toten .

Enden wollen wir mit einer positiven Nachricht, zumindest für jene Anleger*innen, die nicht von Moral beleckt sind, siehe oben. Die Rheinmetallaktie  ist Stand jetzt, 05.01.2026, 11.16 Uhr, um über sieben Prozent nach oben ausgebrochen, nach dem imperialistischen USA Überfall auf Venezuela. Da liegt Kanonendonner in der Luft. Alte Börsenweisheit: Kaufen, wenn Blut fließt.

04.01.2026 – Gutes Wohnen. Sofort für Alle

Blick in den Garten. Wo ist der Klimawandel, wenn man ihn braucht? Mehr Sommer. Sofort für Alle.

Mehr Frieden für Alle natürlich auch und erst recht. Es gehört zu den Paradoxien dieser Zeit, dass die Friedensbewegung so schwach ist wie seit Jahrzehnten nicht, obwohl sie nötiger denn je wäre. Ich war bei einer Demo gegen die Nachrüstung (Nato-Doppelbeschluss) im Bonner Hofgarten, in den Achtzigern, 300.000 Menschen. Bei den Osterdemos 2025 waren bundesweit ein paar Tausend Menschen unterwegs. Die Bewegung, wenn sie überhaupt noch aus soziologischer Sicht so bezeichnet werden kann, ist tief gespalten: Wie umgehen mit dem Ukrainekrieg? Wie umgehen mit Verschwörungstheorien und Antisemitismus in den eigenen Reihen? Die Bewegung hat ein verstaubtes Image, ist kaum bündnisfähig und findet keine Antworten auf den Rechtsruck in der Gesellschaft und deren Militarisierung.

Für die Klimabewegung gilt, was gesellschaftliche Akzeptanz und Ausstrahlung angeht, ähnliches. Interessiert keine Schweinin mehr. Die Frauenbewegung, wenn es sowas überhaupt noch gibt, hat sich durch ihr unsolidarisches Verhalten gegenüber den Frauen als Opfern des faschistischen Überfalls der Hamas am 7. Oktober desavouiert. Für die zum großen Teil antisemitische Kulturszene gilt: Schwach wie nie, mit wehleidiger Nabelschau und unkoordinierten und kaum wahrnehmbaren Abwehrreflexen gegen die anwachsenden Haushalts-Kürzungen im Kulturbereich beschäftigt. Meine Empfehlung: In die Produktion, Arbeiter der Stirn. Dann merkst Du vielleicht mal, wie der Arbeiter der Faust gerade so drauf ist, nämlich voll Scheiße, und Du, Genosse Kulturschaffender, richtest Deine Arbeit endlich mal wieder auf diesen gesellschaftlichen Kompass aus.

Das mit der Produktion, respektive einem neuen Job im Dienstleistungsgewerbe, beispielsweise als Amazon-Fahrer, wird sich im Übrigen für viele Kulturschaffende von selbst ergeben, nach den Gesetzen des Marktes. Durch die Kürzungen im Kulturbereich werden viele Stellen wegfallen. Wie in der Industrie. Und nach ein paar Monaten mit einigermaßen commodem Arbeitslosengeld droht das Jobcenter, mit eiserner Faust. Also auf zu Amazon. Dass das das (3x das/s!) Klassenbewusstsein der Betroffenen stärken wird, kann nur hoffen, wer damals bei der Demo im Bonner Hofgarten nach einer Überdosis LSD im Kopf nicht mehr aus der Zeitschleife gekommen ist.

Es bleibt abzuwarten, wie viele Menschen angesichts des imperialistischen Überfalls der USA auf Venezuela auf die Straße gehen. Wenn Kuba fällig ist, werden es ein paar fidele Fidel Veteraninnen mehr sein. Krieg wird immer mehr die normale Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Gestern Russland-Ukraine, Heute USA-Venezuela, Morgen China-Taiwan und Übermorgen irgendwo vor unsere Haustür, wovon wir Heute noch gar keine Vorstellung haben. Vielleicht sogar hinter unserer Haustür, also bei uns drinnen. Anything goes.

Was macht das mit mir? Ehrlich gesagt nichts. Ich bin fast froh und dankbar, dass die im letzten Blog geschilderte Causa der LEG Immobilien mich sowohl emotional als kreativ umtreibt, für anderes ist kein Raum mehr. Die börsennotierte LEG Immobilien SE  lässt mitten in einem der kältesten Winter der letzten Jahre ihre Mieter*innen in insgesamt 36 Wohneinheiten im Spengemannweg in Hannover-Badenstedt ohne Heizung und Warmwasser. Das erzeugt in mir Wut und setzt Phantasie frei. Gutes Wohnen ist ein Menschenrecht und wenn ein Konzern dagegen verstößt, wird – und jetzt wird es ein bisschen pathetisch und platt mit Siebziger-Jahre-Sound – Widerstand zur Pflicht. Ich werde also, von diesem moralischen Impuls gedrängt, trotz fortgeschrittenen Alters versuchen, die LEG irgendwie in den Arsch zu treten. Die Presse habe ich denen schon auf den Pelz gesetzt. Danach folgt das Übliche, kreative Aktionen vor deren Büros, eventuell am Hauptsitz in Düsseldorf, immer alles mit Medien, eine Kampagne draus machen, eine Initiative initiieren, Titel: Gutes Wohnen. Sofort für Alle.

Wird nicht viel nutzen. Sorgt aber für gute Laune bei allen Beteiligten. Und lenkt vom restlichen Welt/Kriegs-Geschehen ab. Also dann ….

03.01.2026 – Verrohung

Verrohung von unten. Gitter, die eine Brücke bei mir umme Ecke gegen Autoverkehr (siehe Bild 2) absperren, wurden in der Silvesternacht von Randalierern aus dem Straßenbeton herausgebrochen und von der Brücke auf eine ehemalige Bahnlinie geworfen.

Verrohung von oben: Die börsennotierte LEG Immobilien SE  lässt mitten in einem der kältesten Winter der letzten Jahre ihre Mieter*innen in insgesamt 36 Wohneinheiten im Spengemannweg in Hannover-Badenstedt ohne Heizung und Warmwasser.

Seit September 25 kommt es in unregelmäßigen Abständen zu Ausfällen in der Warmwasserversorgung und der Heizung. Seit dem 23.12.25 wird die gesamte Häuserreihe nicht mehr mit Warmwasser und Heizung versorgt.

Für ältere vorgeschädigte Menschen mit Herz-Kreislaufproblemen ist eine derartige Situation lebensgefährdend. Für Donnerstag und Freitag sind in der Region bis zu 12 Grad Minus vorhergesagt.

Dass die LEG ihren Mieter*innen billige Heizlüfter zur Verfügung stellt, anstatt sie bis zu einem Austausch der Heizungsanlage in Ersatzwohnungen oder Hotels unterzubringen, ist an Zynismus kaum zu überbieten. In manchen Räumen wurden 8 Grad Celsius gemessen. Mittlerweile sind schon die ersten Haustiere auf Grund der Kälte in den Wohnungen gestorben.

An diesem konkreten Beispiel eines börsennotierten Immobilienkonzerns wird deutlich, dass in unserer Gesellschaft etwas derartig aus dem Ruder gelaufen ist, dass sich immer mehr Menschen frustriert und wütend von der Demokratie abwenden. Da helfen mit Sicherheit keine blumigen Neujahrsansprachen, bei denen Bundeskanzler Merz mit weiterem Soziallabbau gedroht hat. Jener Merz, der 2016 bis 2020 Aufsichtsratsvorsitzender von Blackrock Deutschland war. Blackrock wiederum ist der größte Finanzinvestor der Welt und größter Anteilseigner der LEG Immobilien.  

Die zu Recht nach den Silvestervorfällen beklagte Verrohung der Gesellschaft fängt oben an. Der Fisch stinkt immer vom Kopf her.

Zum Hintergrund der LEG:  Die LEG Immobilien SE ist seit 2013 ein deutsches börsennotiertes Wohnungsunternehmen. Das Unternehmen besitzt rund 150.000 Mietwohnungen. Es entstand 2008 nach der Privatisierung von öffentlichen Wohnungsbeständen des Landes Nordrhein-Westfalen durch die damalige CDU/FDP-Regierung.

Die LEG zahlt regelmäßige Dividenden von ca. 4 % per anno. Der Unternehmenswert der LEG betrug zum Zeitpunkt der Privatisierung 2008 ca. 3,5 Mrd. Euro. 2023 hatte die LEG Immobilien SE eine Bilanzsumme von 19 Mrd. Euro und eine Eigenkapitalquote von 7,5 Mrd. Euro. Meine vollständige PM dazu mit ersten Forderungen und weiteren Details kann hier nachgelesen werden . Der NDR beabsichtigt darüber zu berichten.

Der Verkauf der LEG gehört zu einer Kette von Privatisierungen seit Mitte der Neunziger von Wohnungsgesellschaften in öffentlichem Besitz (Bund, Ländern und Kommunen, in Niedersachsen die damalige NILEG). Das ist eine der Hauptursachen der dramatischen Wohnsituation in Ballungsräumen.

Diese Geschichte zeigt konkret, wie Klassenkampf von oben gemacht wird, bis hin zum Totschlag. Denn nach wie vor gilt der Satz, der Heinrich Zille zugeschrieben wird: Man kann mit einer Wohnung einen Menschen genauso gut töten, wie mit einer Axt!

Der Totschlag heute erfolgt nicht mit den feuchten Wohnungen des 19. Jahrhunderts aus Zilles Milljö, sondern mit fehlenden Wohnungen. In diesen Nächten erfrieren wieder ungezählte Obdachlose auf den Straßen, unter Brücken, in Hauseingängen. Auf dem Totenschein steht nicht: Ursache Obdachlosigkeit, sondern Herzkreislaufversagen.

Allen Leserinnen ein friedliches 2026. Was ich den Trumps, Merzen, Putins und den Blackrocks und LEG Wohnen dieser Welt wünsche, überlasse ich Ihrer Phantasie….

31.12.2025 – Bonzen

Gesehen auf der Einkaufsstraße in Hannover-Linden, eine eher unansehnliche Meile mit Backshops, Billigshops und Dönerläden. Dazwischen ein, zwei etwas ansehnlichere Einzelhandelsläden wie dieser mit Klamotten.

Das Graffiti soll vermutlich linke? Kritik an der durchaus hier stattfindenden Gentrifizierung sein. Das mit den Bonzen verstehe ich nicht. Kaufen in dem Laden Bonzen ein oder gehört der Bonzen und wenn ja, welchen Bonzen? Gewerkschaftsbonzen? Parteibonzen? Konzernbonzen?

 Da stellt sich als erstes die Frage: Wer ist verantwortlich für Gentrifizierung, welche Strukturen und Institutionen sind der Adressat von berechtigter, legaler und illegaler, Kritik? Der Einzelhandel? Kleine Läden, die vermutlich auf Grund der Konkurrenz von Konzernen und Internet und hoher Mieten, Betriebskosten, Inflation sich am Existenzminimum entlang hangeln?
Oder sind für Gentrifizierung, nach etwas Überlegung und Einschaltung des noch nicht versoffenen und verkifften Restverstandes, vielleicht doch andere verantwortlich, bei denen die Kritik und das Spraygut abzuladen wäre? Die Politik vielleicht, die für den Niedergang des sozialen Wohnungsbaus verantwortlich ist? Immobilienkonzerne, die im Streben nach Profit die Mieten in unerschwingliche Höhen treiben?  Gierige Vermieter, die den Hals nicht voll kriegen? Der kulturelle Wandel, der solche Viertel für Besserverdiener interessant macht? Dieser kulturelle Wandel wurde und wird unter anderem durch Akteure betrieben wie Künstlerinnen, Studierende, Politaktivisten, die überall Graffitis hinschmieren.

Die Adressaten von Kritik und Graffitis wären also: Politik, wie: Parteibüros, Bundestag, Landtag, Rathäuser. Konzernzentralen, Filialen, Villen von Vorstandsvorsitzenden. Gleiches gilt für Immobilienkonzerne. Und natürlich die Wohnungen von Künstlerinnen, Studierenden, Politaktivistinnen, die überall Graffitis hinschmieren. Vorschlag für Schriftzug: Ihr seid schuld!

Es ist nachgerade grotesk, dass Szeneviertel wie Linden, Kreuzberg, St. Pauli etc. zugeschmiert sind bis zur Unkenntlichkeit, während in den Villenviertel, auf den Prachtboulevards wie Kudamm, die mit Klamotten von Vuitton bis Prada im vier, fünfstelligen Bereich nur so gepflastert sind, an Konzernsitzen und Bankenfilialen nichts zu sehen ist.

Das ist das Resultat einer kommunizierenden Röhre, an deren einem Ende Dummheit, am anderen Feigheit hängt. Es wird immer anstrengender und deprimierender, Linker zu sein. Nicht nur versauen einem die pseudolinken Antisemitinnen die Perspektive, zunehmend tut es auch linke Kinderei, Kleinbürgerlichkeit  . Und schiere Blödheit.

Was für einen Begriff von Utopie haben eigentlich die Graffitisten? Eine Welt ohne Konzerne und Parlamente, schön und gut. Aber ohne Einzelhandel? Soll sich in dieser Utopie jeder sein Fell selber gerben?

Oh Frau, lass Hirn vom Himmel regnen.

28.12.2025 – Schöne Bescherung. Prognosen für 2026.

Weihnachtsbaum vor der Niederlassung der Firma ZF in Hannover-Linden. ZF, Maschinenbau, weltweiter Technologiekonzern in Sachen Mobilität, hat an zwei Standorten in Hannover ungefähr 2.200 Mitarbeiter*innen. Beide Standorte sind von Schließung bedroht. Mein ehemaliger hannöverscher Arbeitgeber Krauss-Maffei, vormals Berstorff GmbH, auch Maschinenbau, hat ca. 750 Mitarbeiter*innen. Dort ist für 2026 Kurzarbeit geplant. Kurzarbeit kann, muss nicht, das drohende Ende einer Firma bedeuten. Ca. 3.000 gut hoch qualifizierte und ordentlich bezahlte Facharbeiterinnen und Ingenieure, die im schlimmsten Fall ihren Job verlieren. Nur in dieser Region. Und da wäre von der Zulieferindustrie noch gar nicht die Rede.

 Viele, sehr viele, Betroffene haben hohe Verpflichtungen, Kredit fürs Häuschen im Grünen, zwei Autos, zwei Urlaube, studierende Kinder, da darf nichts passieren. Tut es aber, immer häufiger, immer schneller. Auch abzulesen an der wachsenden Zahl von Eigenheim-Zwangsversteigerungen, plus 10 Prozent. Was die derzeitige bundesweite Krise im Maschinenbau, aber nicht nur da, für Auswirkungen auf Gesellschaft und Wirtschaft haben, lässt mit etwas Phantasie hochrechnen: Wachsende Arbeitslosigkeit, steigende Armutszahlen, mehr Privatinsolvenzen, in der Folge Anstieg von Sozial- und Gesundheitskosten auf Grund wachsender Morbidität, Erwerbsunfähigkeit, Frühverrentung. Weiter: Verlust an Kaufkraft und Steuern in der Region, mit Auswirkungen auf die ohnehin marode Infrastruktur, auf nachgeordnete Dienstleistungen wie Gastronomie, Einzelhandel, weitere Verödung der Innenstädte, zunehmende Segregation der Quartiere, sinkende Standortattraktivität.  … Und so weiter. Am Ende weiterer Demokratieverlust, Anstieg der AfD. Es gibt mit Sicherheit Tools, mit denen sich die Folgekosten und Auswirkungen von wachsender Arbeitslosigkeit in einer Region skalieren lassen. Früher haben Programmierer solche Tools erstellt. Brauchen wir nicht mehr. Macht eine KI.

Hier könnte, müsste die Politik proaktiv eingreifen und die sozialen Sicherungssysteme stärken, bis die derzeitige Krise überwunden ist, um die Krisenfolgekosten so niedrig wie möglich zu halten. Tut sie aber nicht. Sie macht exakt das Gegenteil. Sie spart prozyklisch in die Krise hinein, den Sozialstaat kaputt. Ein mögliches Resultat einer derart unterkomplexen Politik zeigt ein Blick ins Geschichtsbuch: Das Ergebnis der prozyklischen Sparpolitik von Reichskanzler Brüning in die Krise Anfang der Dreißiger war Adolf Hitler

Schöne Bescherung.

So weit so düster – wie üblich. Für etwas heitere Abwechslung soll daher ein Ausblick auf 2026 sorgen. Das journalistische Feuilleton würde es nennen: Perspektiven 26. Es ist aber nichts weiter als Kaffeesatzleserei und Glaskugelbeschwörung. Also genau das, was ich im letzten Blog so heftig kritisiert habe: Esoterik. Nur verdiene ich kein Geld damit, mache das zu meinem Vergnügen. Meine Prognosen von Heute werde ich mir am 28.12.2026 wiedervorlegen und mich dann darüber amüsieren.

Hier also mein Kaffeesatz, sorry, meine Prognosen für 2026 für ein paar ausgewählte Bereiche, den wichtigsten, zumindest für alle Hirnis im Land, zuerst:

Fußball-WM: Deutschland fliegt vor dem Halbfinale raus. Spanien wird Weltmeister

Landtags-Wahlen im September 2026:

Berlin: Linke 20 %, CDU 20 %, AfD 18 %, Grüne 15 %, SPD 12 %. Rotrotgrüner Senat mit Bürgermeisterin der Linken.

Sachsen-Anhalt: AfD 40 %, CDU 24 %, Linke 14 %. Alle anderen, inklusiver SPD, Grüne, BSW unter 5 %. Alleinregierung der AfD.

Meck-Pomm: AfD 40 %, SPD 17 %, CDU 10 %, Linke 15 %, BSW 6 %. Minderheitsregierung der AfD, unter Duldung der CDU.

DAX: 26.000 (Heute: 24.000 )

Gold: 6.000 $ (Heute: 4.500 )

Silber: 150 $ (Heute: 80 )

Armutsquote (2025): 16,5 Prozent (15,5 für 2024, laut. Stat. Bundesamt)

Arbeitslosigkeit: 7 % (Aktuell 6 %)

Warnhinweis: Kommen Sie um Himmelswillen nicht auf die Idee, sich bei Ihrem Portfolio nach dieser Kaffeesatzleserei zu orientieren. Ein einziges, völlig unvorhersehbares Ereignis beispielsweise wie die Lehmanpleite 2008 kann die Aktienkurse derart einbrechen lassen, dass es über 10 Jahre dauert, bis die sich wieder in eine Gewinnzone erholen. Halten Sie es lieber mit dem Nihilismus von George Best . Wenn Sie überhaupt Kohle übrig haben, männlich sind und nicht alle Tassen im Schrank haben.

26.12.2025 – Trends 2026

Strumpf Vitrine. Bei diesem Anblick überfiel mich eine wehmütige Sehnsucht nach einer Zeit, in der es noch Strumpf-Vitrinen gab. Es war eine vermeintlich heile, übersichtliche Welt. Ich war jung, Zukunft spielte keine Rolle. Das Schlimmste, was passieren konnte: Man kotzte nach durchzechter Nacht im Morgengrauen vor einer Strumpf-Vitrine auf den Bürgersteig. Ob das im Bild oben immer noch mein Kotzhaufen von damals ist?

Gutes Benehmen sieht natürlich anders aus.

Laut Spiegel gibt es neue Trends. Benimmkurse boomen. Im Hamburger „Vier Jahreszeiten“ werden Kurse für Kinder ab vier angeboten, vier Stunden für 245 Euro, inklusive Dreigängemenü. Hier werden, Affen gleich, Kinder des Kapitals dressiert für den Kampf ums Überleben, auch am Büfett.

Da wär ich gerne dabei, wenn denen beigebracht wird, dass es einem Kapitalverbrechen gleichkommt, wenn man einen Barolo aus einem Burgunderglas trinkt. Ob die dann auch, gleich mir in frühen Jahren, ihre Kotzsignaturen vor dem Vier Jahreszeiten in das hanseatische Pfeffersackpflaster stempeln?

Man kann das krank und dekadent finden, leider ist es aber viel schlimmer. Es ist Ausdruck des Klassenkampfes, der nach wie vor und erbarmungsloser denn je, zwischen den Vier Jahreszeiten und den Strumpf-Vitrinen dieser Welt stattfindet. Benimmregeln, bürgerliche Anstandsregeln, vom Adel geborgt, waren schon immer Ausgrenzungsstrategien des aufstrebenden Bürgertums gegen den Mob, der nach oben strebte und auf Abstand gehalten werden musste, ökonomisch, kulturell, habituell. Zeige mir, wie Du isst, und ich sage Dir, wer Du bist. Draußen geht die Welt kaputt und dieser Zustand muss ums Verrecken vor den Pforten des Vier Jahreszeiten gehalten werden. Die Kettenhunde, Bastarde und Erben des Kapitals müssen für ihr späteres mörderisches Handwerk auf den Weltmärkten wenigstens einen zivilisatorischen Lack erhalten, wenn es für Kultur schon nicht reicht. Dressed to kill, Eintritt ab vier Jahren. Und wenn man über die Verlotterung der Sitten klagt, die älteste Klage der Menschheit, lenkt man wunderbar von der Verrohung der Gesellschaft ab. Das Eine, die Verlotterung, ist individuelles Versagen, welches in Seminaren weggebügelt werden kann. Das Andere, die Verrohung, ist das Produkt des neoliberalen Kapitalismus als Menetekel eines nahenden Faschismus…

Ebenso bedenklich, aber wenigstens lächerlicher, ein anderer Trend, der auf den ohnehin explodierenden (irgendwie eine meiner Lieblingsvokabeln, jede Zeit findet ihren sprachlichen Ausdruck) Esoterikwahn in unserer Gesellschaft aufsetzt. »Etsy-Hexen« sind der neue spirituelle Trend (Etsy ist eigentlich eine Verkaufsplattform für Handwerks-Gedöns). Wahrsagerinnen und Schamanen versprechen, im Rahmen der Tiktokisierung der Welt, auf Onlineplattformen für 35,51 Euro mit magischen Ritualen die Liebe zurückzubringen, die Regelblutung dem Urlaub anzupassen, einen neuen Job etc. pp…

Die Schlauen, die Onlinescharlatane, leben von der Dummheit der Käufer. Auch das ein ehernes Gesetz des Kapitalismus.

Im Ausgang der „guten, alten“ Zeiten, siehe oben, in den Achtzigern, verschwanden peu a peu die linken Buchhandlungen aus dem Stadtbild (das dürfte den Fachmann für Stadtbildreinigungen, den Sauerlandrocker Fritze Tünkram, gefreut haben), dafür schossen Esoterikläden mit Volksverdummungsliteratur, Mondsteinen und anderem Gedöns aus dem Boden wie Magic Mushrooms nach einem warmen Regen. Die Utopie einer kollektiven, solidarischen, emanzipatorischen Welt war in den Kinderschuhen nicht nur der RAF kläglich eingegangen. Die Kinder von Marx und Engels retirierten ins individuelle Glück der Selbstverwirklichung und Selbstoptimierung, die Enkel landeten nach diesem langen Marsch als Etsy-Hexen.

Das ist ebenso verständlich wie logisch. Das Abtauchen der Welt in Irrsinn produziert Angst, Überforderung. Parallel zum Boom von Esoterik und Aberglauben nehmen psychische Erkrankungen zu, steigt der Verbrauch an Psychopharmaka. Das ist die dunkel-pathologische Kehrseite der gleichen Medaille, auf deren strahlenden Vorderseite uns die Etsy-Hexen anlachen. Wohl dem daher, der einen breitgestreuten Pharma-ETF in seinem Portfolio hat.

Wahrlich, wahrlich, ich aber verkünde Euch, liebe Leserinnen, eine frohe Botschaft der Hoffnung zum Christfest: Ich habe bei meiner Lieblings-Etsy-Hexe einen Fluch bestellt, wonach alle Leute Donald Trump hassen sollen.

Das Gleiche hatte die Website Jezebel gemacht für den rechten Hetzer Charlie Kirk. Wenige Tage später wurde Kirk erschossen.

Frohe Festtage, liebe Leserinnen.

24.12.2025 – Weihnachten 2025: Hauch wech die Scheiße

Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her. Im vorliegenden Fall ist das die weihnachtliche PM vom Landesamt für Statistik Niedersachsen: „Klärschlammmenge aus öffentlicher Abwasserbehandlung in Niedersachsen 2024 um 6,1% gestiegen“. Zitat:

„In Niedersachsen wurden im Jahr 2024 im Rahmen der öffentlichen Abwasserentsorgung rund 166.100 Tonnen Klärschlammtrockenmasse aus kommunalen Abwasserbehandlungsanlagen direkt und ohne Zwischenlagerung entsorgt. Das ist laut Landesamt für Statistik Niedersachsen (LSN) ein Anstieg um 6,1% im Vergleich zu 2023.

Wie das LSN weiter mitteilt, wurden 70.100 Tonnen Klärschlammtrockenmasse stofflich wieder dem Boden zugeführt, d.h. bodenbezogen verwertet. Der größte Anteil entfiel auf die Landwirtschaft, die mit 45.100 Tonnen 6,9% weniger aufnahm als 2023. Dahinter folgten die Vererdung und Kompostierung mit zusammen 24.100 Tonnen Trockenmasse. Schließlich wurden knapp 900 Tonnen für eine Verwendung im Rahmen landschaftsbaulicher Maßnahmen gemeldet.“

Das mit Schwertern zu Pflugscharen hat ja irgendwie nicht geklappt. Aber wenn schon nicht friedensbewegt, so schleicht die Schnecke Fortschritt wenigstens ökobewegt ein wenig voran: Scheiße zu Landschaftsbauten. 900 Tonnen, vor meinem inneren Auge türmt sich ein riesiger brauner Pavillon auf. In der Lüneburger Heide, Heimat so vieler Alt- und Jungnazis.

Der Funken Hoffnung, Frohsinn und guter Laune, den mir das LSN, unverzichtbarer Begleiter so vieler PMen in all den Jahren, pünktlich zu Weihnachten geschenkt hat, wird ein wenig getrübt durch die fehlende Faktenlage zu 7.900Tonnen Klärschlammtrockenmasse. Was, bitteschön, darf ich mir unter dem Satz vorstellen: „Die Art der weiteren Entsorgung der restlichen 7.900 Tonnen Klärschlammtrockenmasse (4,8%) war nicht bekannt.“

Ich bitte Sie, liebe Leserinnen, zur Verdeutlichung dieses unfassbaren Skandals einfach mal, 7.900 Tonnen Klärschlammtrockenmasse kubikmetermässig zu visualisieren: Ein über die Jahrzehnte angewachsener Monsterberg von Scheiße, bei dem niemand weiß, wo er abgeblieben ist?

Trügt mich meine Erinnerung oder waltet im LSN immer noch ein sinisterer Sinn für Humor, den ich zu aktiven Zeiten goutiert habe?

Wie auch immer, ich hoffe, Sie liebe Leserinnen, gehen nun ähnlich wie ich fröhlich und festlich gestimmt in das Weihnachtsfest. Ich wünsche Ihnen eine entspannte Jahresendzeit und der Welt Friede den Hütten.

Und Krieg den Palästen.

22.12.2025 – Über KI und Dada.

Google KI neulich über mich. In einer älteren Version war von mir noch als Ikone die Rede. (An dieser Stelle ausnahmsweise Grüße, an meinen kleinen Bruder. Er weiß, warum 😉) Geschenkt, ich find’s auch so freundlich. Ich hab mich halt nur gefragt, warum ich angesichts dieser warmen Worte – die einem anderen als mir glatt die Schamröte ins Gesicht gepflanzt hätten – nicht schon längst das Bundesverdienstkreuz verliehen bekommen habe. Oder das Eiserne Kreuz, irgendein Lametta halt.

Eins hatte ich allerdings schmerzlich vermisst in dieser Laudatio: Den Hinweis auf mein wahres Lebenswerk, das mich so turmhoch über alle anderen Ameisen des Betriebes in den Olymp der Kulturschaffenden erhebt. Mein wahres Lebenswerk, welches aus mir einen Titan der Aufklärung, ein stabiles Genie der Menschheit, einen göttergleich verehrten Liebling der Massen gemacht hat. Zumindest hatte ich das gehofft….

Also ließ ich die Google KI auf SCHUPPEN 68 los. Und siehe, so sprach die KI:

Zwei kleine Korrekturen: Mit den S 68 Aktionen sollten AfD-Wählerinnen nie angesprochen, sondern mindestens verarscht werden, wenn nicht gar schlimmeres. Und der letzte Satz im ersten Bild ist etwas sinnreduziert: „ … Regionen mit starker AfD-Unterstützung, wo Armut und Armut zusammenfallen.“ Gemeint ist, wo Armut und hohe AfD-Wahlergebnisse zusammenfallen. Aber sonst ist das Ganze, bis auf einen etwas umständlichen Satzbau, eine derart präzise Zusammenfassung ungezählter Medienberichte der letzten Jahrzehnte, in Sekundenbruchteilen, dass einem angst und bange werden könnte, wenn es das nicht schon längst ist.

Dazu passt: Letzte Woche rief ich einen Tischler an, der soll was reparieren. Die Dame am Telefon fragte präzise nach, ich hab’s nicht so mit dem Handwerk, da fehlen mir mitunter die Begriffe. Die Dame fasste nochmal zusammen. Von mir aus hätte sie noch etwas kommunikativer sein können, bisschen Smalltalk und so, aber es war völlig ok, das Ganze war ja kein Neujahrs-Empfang. Bei einem Zweitanruf verstand ich dann ihren Namen, bei sowas stelle ich sonst immer auf Durchzug, weil ich eh schwerhörig bin:

„Sie sprechen mit einer KI“.

Es ist nur eine Frage der Zeit, wann die ersten Tischlerroboter zur Arbeit anrücken. Das ruft jede Menge ethische und soziale Fragen auf. Wie: Gibt man denen eigentlich Trinkgeld oder drückt man denen eine Kanne Maschinenöl in die Gelenke?

Nicht gerade angst und bange aber zumindest doch bedenklich wird mir schon wegen der rasenden Entwicklung und Geschwindigkeit von KI. Die Arbeitswelt und damit unsere Gesellschaft verändert sich bereits jetzt. Arbeitsplätze, zunehmend qualifizierte, werden von KI ersetzt. Uns geht zwar die Erwerbs(!)-Arbeit nicht aus, aber die von lebendigen Menschen erledigte wird zunehmend eine dienstleistungsorientierte, körpernah-analoge, minderqualifizierte, nicht existenzsichernde. Eine Dienstbotengesellschaft. Während am anderen Ende obszöner Monsterreichtum von Wenigen regelrecht explodiert.

Technologische, und damit auch kulturelle, Entwicklungen wie KI sind immer auch Vorboten, Treiber von politischen Umwälzungen. Vorboten und Treiber des frühen Faschismus waren technologische Quantensprünge vor dem ersten Weltkrieg, was sich in dessen industriellem Massengemetzel auf Grund verbesserter Waffentechnik ausdrückte, siehe Maschinengewehr, Panzer, Flugzeuge. Verbesserte Technologie, rasende Geschwindigkeit, explodierende Effizienz, am Ende (des Ersten Weltkriegs) war die Welt eine andere, der Irrsinn hielt Einzug in die Moderne. Diese technologische Entwicklung von Raserei und Irrsinn fand ihren kulturellen Ausdruck in der Kunstrichtung des italienischen Futurismus und wenig später im Dadaismus. Beide fielen zusammen mit dem Wetterleuchten des Faschismus am Horizont. Mit einem qualitativen Unterschied: Die Künstler*innen des Dadaismus waren oft jüdisch, im Zweifel revolutionär und Parteigänger verschiedener KPen. Der italienische Futurismus sang Lobeshymnen auf den Mussolini-Faschismus.

Verbindend und Fakt ist: Mit ihrer Manifestation von Explosivität, rasender Geschwindigkeit, Raserei, Irrsinn, technologischem Fortschrift, revolutionärem Gestus, der Verachtung überkommener bürgerlicher Welten waren beide Kunstrichtungen bei allen Unterschieden Propheten, Vorboten, Menetekel der kommenden Epoche des Zivilisationsbruches und des Untergangs, des Faschismus.

Für mich stellt sich über hundert Jahre später die Frage der Analogien. Was ist Raserei, was Irrsinn und wieviel davon Vorbote eines postmodernen Faschismus?

 Liegt irgendwie auf der Hand: Die Raserei, die rasende Geschwindigkeit mit ihrem enormen Vernichtungspotential menschlicher Fähigkeiten und lebendiger Äußerungen wie Erwerbsarbeit entspricht der KI. Und der Irrsinn, die Dada-Vernichtung von Sinn und Vernunft (nicht: Verstand!), sind die sozialen Medien.

20.12.2025 – Über Schreiben

Dezemberrose im Garten. Lichtblick in düsteren Zeiten.

Die Zeiten sind düster. Die Jahreszeit ist es auch. Und dieses Zusammenspiel drückt selbst einer norddeutschen Frohnatur wie mir zunehmend auf das Gemüt. Hölderlins Klage

„Weh mir, wo nehm‘ ich, wenn

Es Winter ist, die Blumen, und wo

den Sonnenschein und Schatten der Erde?“

ließe sich kurzfristig ja durch Flucht in den mediterranen Süden beheben. Aber natürlich bezieht sich seine Klage auch auf die inneren Kontinente und die nehmen wir mit auf unsere Reisen. Nachrichten wie die vom antisemitischen Massaker am Bondi Beach klicke ich schon gar nicht mehr an. Mir reichen die Schlagzeilen: Vater und Sohn die Täter und das am friedlichen Chanukkafest. Dann kommen mir Gedanken wie: Die Pforten der Hölle haben sich wieder einen Spalt mehr geöffnet. Aber solche Taten sind nicht apokalyptisch einmalig. So düster, schlimm und roh die Zeiten auch sind, ein Blick in die Vergangenheit zeigt, sie waren düsterer, schlimmer und roher in einem Maß, welches menschliche Vorstellungskraft übersteigt. Ca. 200.000 Deutsche waren direkt am Holocaust beteiligt, also daran, Menschen wie Vieh in die Gaskammern zu treiben und ca. 700.000 waren direkt an Kriegsverbrechen während des Zweiten Weltkriegs beteiligt, also an der Ermordung, Vergewaltigung, Verstümmelung von Millionen Unschuldigen. Viele von den Tätern haben unbehelligt nach dem Krieg weitergelebt, geheiratet, Kinder großgezogen, später mit Haus im Grünen, Auto, erster Mallorca-Reise. Ihre Kinder und Enkel zogen später in großzügige Stuckwohnungen in Prenzlauer Berg, fuhren Lastenräder, machten Urlaub auf den Malediven, zogen Kinder groß und machten Karrieren.

Im linken Milieu. Im Kulturbetrieb. Vielleicht als Museumsdirektor. Im Potsdamer Museum „Fluxus+“. Wo der zuständige Direktor verantwortlich ist für eine Ausstellung, in der Anne Frank mit Palästinenser-Tuch gezeigt wird. Das Bild des Holocaust-Opfers stammt von einem Berliner Künstler, der sich, das nebenbei, Marxist nennt. Anne Frank ein Palästinenser-Tuch umzuhängen, heißt nichts anderes als ihre jüdische Identität auszulöschen und mit einer palästinensischen zu überschreiben. Dieses Bild ist die ästhetisierte, ins Künstlerische fortgeschriebene, vollkommen zu Recht in Deutschland verbotene Forderung der Antisemiten der Welt: From the river to the sea. Also der Forderung nach der Auslöschung des jüdischen Staates. Und damit der Vernichtung seiner jüdischen Bevölkerung, denn nichts andres ist das Endziel der faschistischen Hamas und anderer Terrorgruppen aus der Region. Die nach wie vor einem großen Teil der Bevölkerung getragen und unterstützt wird.

Wäre ich jünger und handwerklich geschickter, reiste ich in die dreimal verdammte Ostzone und ließe Feuer und Schwefel über dem Fluxus-Museum und Potsdam regnen. Was den angenehmen Nebeneffekt hätte, dass die verfluchte Potsdamer Garnisonskirche mit vom Erdboden vertilgt würde. In ihr fand am 21. März 1933  der feierliche und von den Kirchen gesegnete Schulterschluss der konservativen und faschistischen Eliten der Weimarer Republik statt. So nahm der Nationalsozialismus, der Holocaust seinen Lauf. So schließen sich die sieben Kreise der Hölle.

Die Aussichten sind düster. Wolken am Himmel. Strenger Frost um Weihnachten. Wo aber, um im Hölderlinschen Duktus zu bleiben, wächst das Rettende? Draußen eher nicht. Sollte also auch Ihr Gemüt, liebe Leserinnen, mitunter düster verwölkt sein, empfehle ich Ihnen Schreiben. Schreiben befreit. Wenn Sie dem Schrecken einen Namen geben, ist er gebändigt, gezügelt. Seine namenlose Bedrohung hat dann einen Begriff. Nichts ist bedrohlicher als namenloser Schrecken und die Benennung des Schreckens ist der erste Schritt auf dem Weg zur Heilung. Nicht in der Welt, aber für Sie. Ob Sie es analog oder digital machen, als Tagebuch oder Blog, über die Welt oder Ihr eigenes Ich, ist egal, Hauptsache regelmäßig, am besten täglich.

Außerdem kann Schreiben durchaus lustvoll sein. Einer gelungenen Formulierung, präzisierten Erkenntnis sur le point, einem geistreichen Genieblitz kann man schon mal lange und genussvoll hinterherschmecken wie einem Vintage-Portwein, was ohne Frage das größte Geschenk ist, was Trauben und Erfindungsgeist der Menschheit machen können. So viel über Schreiben.

Und damit wir etwas geerdeter aus dieser Therapiesitzung gehen: Ein weiteres Mittel gegen Gemütsverfinsterung ist natürlich die Entdeckung fremder, fröhlicher Kontinente jenseits der eigenen, oft tief eingetretenen, abgelatschten, trüben Alltags-Wege.

Nicht ganz meine Welt, aber ein fröhlicher Lichtblick: Konzertplakat in SO 36. The Golden Cocks im „Franken“. Cock mit Hahn zu übersetzen, trifft es eher nicht ….

In ihrer Art auch ein Lichtblick, weil jenseits der Norm: Toilette in der „Eck-Kneipe“ am Kreuzberger Mariannenplatz. Wenn ich am Mariannenplatz bin, kehre ich da immer auf ein Bier und ein Korn ein.

Ist ein Ritual, was ich selbst bei Minusgraden und 12 Uhr mittags durchziehe, wo kalte Biere und Körner eigentlich das Letzte sind, was ein Connaisseur zu sich nimmt. Aber Rituale sind auch heilsam in düsteren Zeiten.

18.12.2025 – Das Marxsche Verelendungspendel schlägt zurück

Demo gegen Sozialabbau am 16.12 in Hannover. Ich hatte geschätzt, dass vielleicht 1000 bis 2000 Teilnehmende dabei sein würden, also angesichts der in die Hunderttausende gehenden Zahl von potentiell Betroffenen allein in der Region Hannover eine deprimierend geringe Zahl.

Es waren maximal 300. Ein Desaster, das nur unwesentlich durch den Gedanken an die heroischen 300 Spartaner gemildert wurde, die angeblich 480 vor unserer Zeitrechnung die Thermopylen gegen Zehntausende Perser verteidigt haben und dabei den Heldentod fanden, wenn man Herodot glauben will.

 Nach einer Stunde war mir die Kälte in die Knochen gezogen und ich floh in Richtung Wärmendes von der Wallstatt. Mit dem Heldentod hab ich es auch nicht so, bin eher der Typ Vaterlandsverräter und Deserteur. Passend zu dieser martialischen Assoziation kam mir ein Artikel von Gabor Steingart aus dem „Focus“ unter die Augen. Steingart ist ein neoliberaler Wutbürger, aber gebildet, kenntnisreich und schreiben kann er. Der Focus hat sich mehr noch als Springers „Welt“ zu einem Sprachrohr der AfD entwickelt. Beide zusammen haben eine Auflage von über 600.000. Soviel zur medialen Reichweite von faschistischen AfD-Positionen bis weit hinein ins früher gutbürgerliche Lager.

Unter der Überschrift „Vom Facharbeiter zum „Nulllohn“-Menschen: Wie der Markt knallhart ausgrenzt“ schreibt unser AfD-Apologet Steingart über die Auswirkungen der Globalisierung hierzulande , Zitat:

 „Die Lohnanpassung im Westen kennt zwei Erscheinungsformen, und nur eine davon ist für alle sichtbar. Es handelt sich dabei um die reguläre Lohnsenkung, wie sie heute für Arbeiter und kleine Angestellte im Westen gang und gäbe ist: mehr Arbeiten für weniger Geld, reduzierte Zulagen, dafür höhere staatliche Abgaben. In allen Ländern des Westens fand ein Abschmelzen der einfachen Löhne statt. Die zweite Form der westlichen Lohnanpassung ist gefährlicher, weil man sie in keiner Einkommensstatistik findet. Man neigt dazu, sie zu unterschätzen oder gar zu ignorieren. Die Lohnhöhe sinkt in diesem Fall auf null Euro (= meint: Massenentlassungen bei „uns“ auf Grund der globalen Konkurrenz, d. A.)…..

… Die Alternative lautet heute nicht Hochlohn oder Billiglohn. Die Alternative für Millionen Menschen in einfachen industriellen Berufen lautet Billiglohn oder gar kein Lohn. …

Für die deutsche Gesellschaft, vor allem den Mob der potentiellen AfD-Wähler, gilt daher nach Steingart folgender Marsch in eine düstere Zukunft des Billiglohns als Amazon-Lieferfahrer und des Sozialabbaus: „

… Eine Politik der hohen Regulierungsdichte und steigender Sozialabgaben beschleunigt den Prozess. Der Industriearbeiter wird mit derart hohen Abgaben belastet, dass er unter dieser Last zusammenbricht. Die SPD, die ihn retten sollte, versetzt ihm mit ihrer Politik den Todesstoß. Der Weltarbeitsmarkt hört nicht auf das Kommando von Bärbel Bas. …“

Das theoretische Fundament dieser halbrichtigen Einsichten ist aber natürlich nicht vor 100 Jahren als Theorie des Arbeitslohns auf dem Mist des von Steingart zitierten Soziologen Oppenheim gewachsen, sondern wurde vor über 150 Jahren von Karl Marx im „Kapital“ entwickelt und nennt sich Verelendungstheorie.

Die stimmte relativ, weil global gesehen, schon immer. Der bescheidene Wohlstand, der den Proleten im hiesigen globalen Norden für ein paar Jahrzehnte gegönnt wurde, basierte immer auch auf den Knochen – und das im wahren Sinn – der Ausgebeuteten und Unterdrückten im globalen Süden. Der Vorwurf gegen Marx, dass die absolute Verelendung der hiesigen Proleten Unsinn sei, hatte viele Jahre angesichts von Eigenheim, Auto und Malle-Urlaub für die einheimischen Facharbeiter seine Berechtigung.

Nun aber schwingt das Marxsche Verelendungspendel nach jahrzehntelanger Verzögerung mit voller Wucht zurück und kegelt Millionen von bisher Abgesicherter von der immer rasender rotierenden Scheibe der wirtschaftlichen Entwicklung ins prekäre Elend. Mittlerweile gibt es auch bei uns Formen von absoluter Armut, die es früher nur im globalen Süden gab.

Steingart formuliert das anschaulich und fast so gut wie ich: „

… Dieses Aussteuern gut bezahlter Stammbelegschaften aus dem glühend roten Kern der Volkswirtschaft und ihre Überweisung auf die Kruste oder in die Randzonen der Produktivität ist die brutalste und dennoch in Europa die gebräuchlichste Form der Lohnangleichung nach unten…. „

Was unser Wutbürger richtig und zwangsläufig findet, vor allem, weil es ihn nicht betrifft. Nichts läge ihm ferner als die rettende Idee der internationalen Solidarität und eines radikalen Klassenkampfes.

Ich aber werde dereinst für den Begriff „Marxsches Verelendungspendel“ in die Annalen der Soziologie eingehen.