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25.02.2023 – Handgranate


Discokugel in Form einer riesigen Handgranate. Im Hintergrund die Mercedes-Benz Bank. Ausstellung „The Great Depression“, Kunstkollektiv Frankfurter Hauptschule, 17. – 19.02.2023, Haus der Statistik, Otto-Braun-Str. 70, Berlin. Eine überaus inspirierende Ausstellung . Wenn Kunst überhaupt noch Bedeutung haben will, dann in der Form, wie es von diesem Kollektiv praktiziert wird. Alles andere ist Eventkultur-Bespassung eines moralisch verrotteten Bildungsbürgertums und kunstgewerbliche Dekorierung desorientierter und deodorierter Außen- und Innenwelten eines immer jäher werdenden Verfalls. Seit dem Wintersemester 2021/22 hat das Kollektiv eine Gastprofessur an der Universität der Künste in Berlin. Sowas geht vermutlich nur hier. Anderswo hätte ein Sturm der öffentlichen Empörung das Projekt im Planungsstadium beerdigt.
Auch der Ausstellungsort war, ich wiederhole mich gerne, inspirierend. Der Gebäudekomplex Otto-Braun-Str. war Sitz der Staatlichen Zentralverwaltung für Statistik der DDR. Im Zuge der Umgestaltung erhielt das Projekt „Haus der Statistik“ den Goldenen Löwen auf der 17. Architekturbiennale Venedig. Zitat Jury für den „inspirierenden kollaborativen Ansatz, der für Partizipation, Erneuerung und kollektive Verantwortung plädiert“.
Inspirierend. Sach ich doch. Behutsam werden Ikonen der DDR-Werbung erhalten

Makellose Schönheit aus den 70ern.

Umwerfend – und für labile Gemüter ist das durchaus wörtlich zu nehmen – das Ambiente vor Ort, östlich vom Alex, mit Blick auf die Stalinallee (heute: Karl-Marx-Allee).

Kalter Nieselregen, menschenleere Magistrale und das in einer Millionenmetropole, selbst Autos trauten sich bei dem Wetter kaum vor die Garage, dazu die grauen, entbeinten Hochhäuser der Otto-Braun-Str und ein übriggebliebener trostloser Tannenbaum. Selbst eine niedersächsische Frohnatur wie ich wurde innen von depressiver Düsternis und dem innigen Wunsch nach einem fröhlicheren Ort, zum Beispiel dem eigenen Sarg, umfangen.
Dann aber die Kunst! Die Seele lebte auf und jubilierte, das Auge schwelgte, der eigene Inspirations(glauben Sie es endlich!)apparat rotierte auf Hochtouren.
Ich werde daher in Erinnerung an dieses Stahlbad der Emotionen in loser Folge Bilder dieser Ausstellung hier veröffentlichen.
Nicht immer nur Krieg, Armageddon und Endzeitstimmung. Da wird man ja düster im Kopf.

24.02.2023 – Vergewaltigung

„Der seltene Fang“. Bronze-Statue, 1896, am Wasserfall Viktoriapark in Berlin-Kreuzberg. Die Skulptur stellt einen Fischer dar, der mit seinem Fischernetz eine Nixe gefangen hat. Der Fischer ist als männlicher Akt dargestellt, der die sich windende, noch teilweise im Netz verfangene Wassernixe mit Gewalt an der Flucht hindert. Gewalt gegen Frauen, Vergewaltigung, ästhetisiert im öffentlichen Raum.

Wie damit, grundsätzlich mit historisch diskreditierten Denkmälern, Bauten, Texten, Bildern umgehen? Alles entfernen und in einen Park der Toxizität entsorgen, der nur unter pädagogischer Anleitung besucht werden darf, kann’s ebenso wenig sein wie alles kommentarlos durchlaufen zu lassen. Zwei Regeln fallen mir dazu spontan ein: Opfer befragen und Kontextualisierung. Eine Entfernung der Statue oben fände ich schade, sie gehört als regelmäßiger Anblick zu meinem persönlichen Kiezmobiliar. Sollten allerdings Frauenverbände eine Entfernung fordern (was in dem Fall, soweit ich weiß, niemand bisher tut), würde ich den Ball erstmal flach halten, mir die Argumente anhören und vermutlich akzeptieren. Anders käme ich mir auch ziemlich dämlich vor.

Eine erklärende Tafel, die die Abbildung in den historischen Kontext stellt und einordnet, wäre als Kontextualisierung das Mindeste. Eine – eventuell temporäre – feministische Gegenstatue im näheren Umfeld eine weitere Möglichkeit

Was überhaupt nicht geht, ist die arrogant-egoistische Kommentierung von Leuten, die, meist ausgestattet mit entsprechendem Klassenstatus und kulturellem Kapital, aus einer potentiellen Täterperspektive ihr freches Maul aufreißen. Wie im Fall Roald Dahl, dessen Werke in einer Neuauflage einer sprachlichen Überarbeitung unterzogen wurden. Das kann man durchaus kritisch sehen wie der Tagesspiegel. Dahl, ein widerlicher Antisemit, war ein Gebrauchsliterat, dessen Werke ich vor Jahrzehnten auch recht putzig fand.

Dass nun allerdings Heerscharen von Prominenten auch aus dem Grund gegen die Aktualisierung zu Felde ziehen, weil sie dadurch ihres ursprünglichen Leseerlebnisses beraubt würden und das auch ihren Kindern gönnen möchten, zeugt von der oben beschriebenen Arroganz des kulturellen Kapitals, der Empathie befreiten Unfähigkeit, eine andere Perspektive als die eigene einnehmen zu können. Die von Opfern zum Beispiel, von „fetten, hässlichen“ Unterschichtskindern, die das entsprechende Kapital zur Gegenwehr nicht haben. Und keinen Bock haben, dauernd als „fett und hässlich“ tituliert zu werden, weil das so unter anderem via Literatur ins kulturell-kollektive Unterbewusstsein transportiert wird. 

Ein bisschen mehr Willen und Fähigkeit eine andere als die eigene Perspektive einnehmen zu können, wäre mitunter ganz hilfreich, bevor man dummes Zeug aus dem Mund oder in die sozialen Netzwerke purzeln lässt.

Was auf jeden Fall für mich hilfreich und ästhetisch erfreulich war, ist die oben abgebildete Kontextualisierung mittels lila Schal, der, im Winde wehend, die stählerne Gewaltanmutung der Statue konterkarierte, ohne in das Material einzugreifen. Am nächsten Tag war der Schal vom Winde verweht, aber das Bild bleibt. Um den Schal als feministischen Akt zu verstehen, dazu braucht es allerdings kulturelles Kapital.

Ich für meine Teil werde jedenfalls demnächst nächtens durch die Stadt ziehen, als Stadtguerilla, und Statuen von alten Kriegern wie Generalfeldmarschall Waldersee mit Pappnasen verschönern.

21.02.2023 – Wissenschaft und Kultur

Berlin, Friedrichstraße, Russisches Haus der Wissenschaft und Kultur. Soll als Vermittler für russische Kultur fungieren, drinnen eine gespenstische Atmosphäre. Am Eingang elektronische Kontrollschleuse, wie auf Flughäfen. Keine Menschenseele ausser Wachpersonal. Drei Kunstausstellungen, alle im Berlin Maßstab, wo höchste Qualität die Messlatte ist, gruselig, Kunsthandwerk und Kitsch. Ich floh, ins nahegelegene Kaufhaus Lafayette, einem Tempel westlichen Luxuskonsums, zu einem Glas Crémant. Wesentlich angenehmer als das KaDeWe, wo ganz unangenehme Gestalten aus aller Welt Unsummen von Korruptionsgeldern für Prada , Versace, Rolex etc. verprassen. Das ganze Ambiente da ist sehr edel, und sehr eklig.

Im Lafayette sinnierte ich über den Lauf der Welt, über Krieg und meine vom Flanieren geschwollenen Füsse. Wagenknecht und Schwarzer haben für ihren Friedensaufruf erwartbar Prügel bezogen. Was mich daran stört, ist die mangelnde Abgrenzung nach rechts. Vor 90 Jahren haben die Faschisten in Deutschland die Macht übernommen und sofort Linke in Folterkellern zu Tode geprügelt. Was denkt Wagenknecht wohl, was die hiesigen Faschisten mit ihresgleichen machen würden im Falle einer Machtübernahme.

Weiters ging mir durch den Kopf, wer wohl Putin folgen würde. Was, wenn Putin erst der Kaiser Wilhelm ist und ihm in diesem System, das wohl nur das Schlechteste nach oben spült, der Adolf Hitler folgt. Dann gute Nacht, Marie.

Sicherheitshalber verklappte ich noch einen Crémant. Was ich hab, das hab ich. Draußen regnete es und ein kalter Wind biss mir ins Gesicht. Aus Osten. Was für ein miserabler Film das Leben doch ist, dachte ich, und enterte den 48er Bus. Haltestelle Mohrenstr.

16.02.2023 – Urlaub an der Kot d‘Azur. Oder lieber in Kackstadt?

Hannover, Maschsee-Strandbad.

Hannover, meine Heimatstadt, ist im allgemeinen Urteil langweilig, trist, durchschnittlich, kurz, eine graue Maus, für die sich niemand interessiert. Das hat sich seit der Hunde-Kot Attacke eines völlig durchgeknallten Kulturschaffenden auf eine Kritikerin geändert. Hannover ist durch Scheiße in aller Munde und gilt zukünftig als braune Maus, wo es gerne auch mal knallt, und sei es durchknallt.
Dabei war Hannover schon immer Scheiße, respektive voller Scheiße. Im hiesigen Stadtsee, genannt Matschsee , schwimmen Tausende von Schwänen und hinterlassen jeden Tag Tonnenweise Kot im See und im Strandbad, siehe oben. Ganz zu schweigen von den Millionen Tölen, die alle Straßen vollscheißen. In dem Kiez, wo ich wohne, gibt es noch nennenswert viele Kampfhunde. Am anderen Ende der Leine (Achtung, jetzt kommt ein Karnevalswitz, flach wie der Norden: Hannover an der Leine!), wenn überhaupt eine existiert, Gestalten, denen man nicht im Dunkeln begegnen möchte. Deshalb sieht man sie leider am hellen Tag die Öffentlichkeit unsicher machen und eher wird Putin zu Mutter Theresa, als das einer von denen mal eine Tüte dabei hätte. Na ja, Tüten haben sie schon dabei, aber in denen dampft nicht die Kacke, sondern das Gras. Hannover ist also in Sachen Materie gewordene Gesellschaftskritik die Spitze der Republik: Alles Scheiße hier.
Wenn Sie, liebe Leserinnen, noch nicht wissen, an welchem exotisch-aufregenden Ort Sie Urlaub machen wollen, vergessen Sie Dschibuti, Bagdad, Lagos (Nigeria! Nicht Algarve), kommen Sie nach Hannover, Urlaub an der Kot d’Azur! Oder in Kackstadt. Hannover, die Heimat von Fritz Haarmann und Gerhard Schröder. Gruseliger geht’s nimmer ….
Glauben Sie mir kein Wort. Hannover ist wie Berlin, nur kleiner: Hier haben wir einen 1a rotgrünen Filz seit vielen Jahren. Das hat sich seit der letzten Kommunalwahl dramatisch geändert. Der Filz ist jetzt grünrot. Da sind wir Berlin knapp voraus. Behördenmäßig liegen wir noch vor Berlin, was Termine angeht. Bevor man einen in der KFZ-Zulassungsstelle erhält, sind Verbrennerautos verboten. Und die normale Reaktion auf Behördenanfragen seitens unbotmäßiger Bürgerinnen ist: Keine. Mieten werden langsam unbezahlbar, die Feinstaubwerte übersteigen gerne mal die Toleranzgrenze und zur Verbreiterung eines Schnellwegs wird demnächst eine Masch umgeholzt . Dem Auto gehört die Zukunft! Ditte ham wa ja bei der Berlin Wahl jesehn, kiekste wa.
Also alles ganz normal hier. Wie bei Ihnen Zuhause.

15.02.2023 – Der bellizistische Tenor einer geballten veröffentlichten Meinung

Die Sonne lockt Bienen heraus, die sich auf der Suche nach Blumen schon mal verirren. Dieses fette Exemplar hat sich eher die Blumen des Bösen ausgesucht.
Der gleichnamige Gedichtband des notorischen Kiffers und Säufers Charles Baudelaire, der 1867 an den Folgen einer damals unheilbaren Syphilis starb, gehörte früher in den Tornister eines jeden Junghippies, ist aber heute noch lesenswert.
So wie die Hippies als Projektionsfigur nachbürgerlicher Sehnsüchte verschwunden sind, sind es auch die Philosophen und Soziologen als Taktgeber öffentlicher Diskurse. Mit dem Verschwinden von Utopien verschwanden auch sie aus der Wahrnehmung, entweder auf Lehrstühle oder als Taxifahrer. Ausnahmen wie Precht und Welzer bestätigen die Regel.
Die für ihre Forderung nach einem Waffenstillstand in der Ukraine ebenso Prügel bezogen vom veröffentlichten Mainstream wie Sahra Wagenknecht und Alice Schwarzer. Gegen die ließ der Mainstream einen seiner bellizistischen Kläffer namens Herfried (!) Münkler los. Von dem Mann habe ich noch keinen einzigen originellen oder gar kritischen Satz gehört, deshalb war er auch Lehrstuhlinhaber und ist dauernd in den Medien präsent. Mit Münkler liegt man immer richtig. Also falsch.
Dem Versuch des „Manifestes für Frieden“ – von den beiden Frauen initiiert und einer bunten Schar Promi-Bürgerlicher unterzeichnet -, einen Moment Innehalten in all der aktuellen Waffenbesoffenheit herzustellen, unterstellte die intellektuelle Nulllösung Münkler „Komplizenschaft mit dem Aggressor“. So befeuern Münker et. al. die mediale Kriegsbegeisterung, die allerdings von der Hälfte der Bevölkerung nicht geteilt wird.
Seit heute scheint sich allerdings eine Zäsur zumindest in Teilen des veröffentlichten Mainstreams anzubahnen. Denn siehe, Zeus ist vom Olymp herabgestiegen und hat zu uns gesprochen. Der letzte Vertreter aus der Hochzeit der Philosophen und Soziologen, er kannte Teddy W. Adorno noch persönlich, Horkheimer, Marcuse, Gadamer! Was Namen.
Die Rede ist von Jürgen Habermas. Der sich ähnlich nachdenklich äußert wie im Manifest beschrieben. Habermas, von linksradikalen 68ern auch Labermas genannt, kritisiert den „bellizistischen Tenor einer geballten veröffentlichten Meinung, in der das Zögern und die Reflexion der Hälfte der deutschen Bevölkerung nicht zu Worte kommen“.
Aus seiner Sicht „hat die Qualitätssteigerung unserer Waffenlieferungen eine Eigendynamik entwickelt, die uns mehr oder weniger unbemerkt über die Schwelle zu einem dritten Weltkrieg hinaustreiben könnte.“ Die von mir als vollkommen korrupt und undemokratisch titulierte Ukraine geht er professoral wesentlich feiner an, er bescheinigt der Ukraine, „wohl immer noch eine Nation im Werden zu sein“. Eine Formulierung für Feinschmecker.
Dieser Akt des öffentlichen Nachdenkens und Innehaltens des vermutlich weltweit renommiertesten Philosophen/Soziologen der Gegenwart wird nach meiner Einschätzung Wirkung zeigen, bei aller Geringschätzung und Irrelevanz von dessen Zunft. Den bürgerlichen Meinungsmacherinnen ist Habermas nicht nur Begriff, sondern noch Autorität. Das dürfte den Einen oder die Andere auch zum Innehalten bringen.
Ich kann mich aber auch irren. Schaun mer mal.

13.02.2023 – Lieber Feste feiern als feste arbeiten

BILD

Det is Berlin, lieber Feste feiern als feste arbeiten: Bergmannstr.-Fest 2018. Mein Kiez, über den der Spiegel schreibt: „Und so ist es frühmorgens auf der Bergmannstraße ein Hasten und gebücktes Jagen, den Nachwuchs wasserdicht verpackt vorn auf dem Lastenträger, in ganzen Trauben eilen sie kurbelnd, mancher verstohlen geschoben vom Akku, andere demonstrativ im Liegerad, allesamt beseelt von dem Wissen: Hier ist Kreuzberg, hier ist das wahre Leben im Falschen. Und deswegen gilt auch hier auf dem Radweg die Höchstgeschwindigkeit von »10 km/h«, ein Gebot, das gelegentlich ordnungsamtlich geprüft und nötigenfalls geahndet wird.“

Die Wahrheit ist: Die Radfahrer*innen in Berlin fahren wie die Verrückten, rücksichtslos, mit irrem Tempo auf viel zu kleiner Infrastruktur, unsichtbar über ihren Köpfen eine Leuchtschrift: Weg da. Und: Ich sehne den Tod herbei. Das führt zu so massiven Konflikten mit Fußgängern, dass über den Rückbau und die Verdrängung von Fahrradverkehr nachgedacht wird.

Was im gesellschaftlichen Laborgroßversuch Kreuzberg vorgedacht und ausprobiert wird, ist nicht selten ein paar Jahre später BRD-Standard. Zitat Spiegel: „Bis 2030 wollen die Grünen die Hälfte aller Parkplätze aus Kreuzberg verschwinden lassen. Längst hat ein »Mobilitätswenderat« 180 weitere Projekte für den Bezirk ausgearbeitet, Gehwegvorstreckungen, Kiezblöcke, Radschnellwege. Alles ist professionell gestaltet, durchdacht, gegendert und auf langen Plenarsitzungen abgestimmt zwischen Basis und Überbau, also Kiez und Senatorin für Umwelt, Mobilität, Verbraucher- und Klimaschutz.“

In der Bergmannstr. ist sogar ein kleines Bächlein geplant. Dieser romantisierende Rückfall in eine pseudoidyllische Vormoderne, diese selbstreferentielle Kiezbesoffenheit, geht manchen Ureinwohner*innen allerdings auf den Dinkel-Keks, so Max Thomas Mehr, einer der Gründer der linksalternativen Tageszeitung »taz«, laut Spiegel: »Ich bin nicht vor 50 Jahren die Großstadt gezogen, um jetzt in Neu-Bullerbü zu leben«

Wahlergebnis in meinem Kreuzberger Wahlbezirk 125, Yorckstr.:

Grüne 49,3 %, Linke 16,6 %, SPD 14,2 %, CDU 10,0 % (Verdopplung gegenüber 2021).

Ergebnis Bezirk 321, Oranienstr., tiefstes SO 36:

Linke 31,9 %, Grüne 28 %, SPD 12 %, CDU 11,4 % (auch Verdopplung).

Irgendwann wird, respektive ist geworden, aus solchen Kiezen ein für Normalos unbezahlbares Disneyland, das auch deshalb mit öffentlichen Mitteln ohne Ende gepampert wird, weil die kommunalen und Landes-Entscheiderinnen hier wohnen. Die ziehen gerne, ob grün, ob rechts, ob links, in piccobello sanierte Altbauten, aus denen Altmieterinnen verdrängt wurden, nachdem Investoren den zerstrittenen Erben des Urbesitzers die Hütte abgekauft haben und mit mehreren 100 Prozent Reibach die Einzelwohnungen verscherbeln.

Wie bei uns in der Yorckstr.

 Das ist die Dialektik zwischen Markt und Bullerbü, zwischen romantisierender, verkitschter Pseudo-Vormoderne und Wohnungslosigkeit.  

Sie werden verstehen, dass ich aus diesen und vielen anderen Gründen Wahlen gegenüber eine distanzierte Skepsis besitze. Wenn es mich aus soziologischen Gründen auch schon interessieren würde, wie Koalitionsverhandlungen in Berlin ablaufen zwischen einer offen rassistischen und von Auto-Tempo 100 auf der Bergmannstr. träumenden CDU, die aus lauter alten weißen West-Männern besteht, und den Grünen. Aber selbst diesen Spagat würden sie hinkriegen, die Mädels aus Kreuzberg, Fuckhain, Prenzlberg und Mitte.

12.02.2023 – Solche Probleme hätten andere gerne….

Mein Eichkater-Kumpel zu Besuch.

In Zeiten wie diesen hat die Natur etwas Beruhigendes an sich, weil sie Beständigkeit, Kontinuität, Verlässlichkeit vorgaukelt. Ein zweiter Blick bringt die Wahrheit hinter dem Schein hervor: Eine Handvoll Schmetterlinge nur, wo vor ein paar Jahren noch Myriaden flatterten, letztes Jahr ist erstmalig eine Hortensie verbrannt, die jahrelang munter am selben Standort blühte und der Wein kommt mittlerweile schon Mitte August zur Vollsüße. Warum auch sollte die Natur normaler sein als die Welt. Das Erdbeben verdrängt den Krieg in der Ukraine für ein paar Tagen aus den Schlagzeilen, wobei sich die Frage stellt, wann der Ukraine-Krieg tatsächlich dauerhaft in die zweite Schlagzeilenreihe rücken wird. Wenn der sich noch Jahre hinzieht, was nicht unwahrscheinlich ist, wird das irgendwann so der Fall sein wie bei Corona. Irgendwann steht dann in der Ukraine kaum ein Stein mehr auf dem anderen und die junge Generation, eigentlich Träger von Veränderung und Hoffnung, ist tot, verwundet, traumatisiert oder geflüchtet. Für welchen Preis? Freiheit, nationale Integrität, Bekenntnis zu Europa und dessen Werten, Brüderschaft zur Nato?

Russland ist ohne Frage in diesem Krieg der imperialistische Aggressor. Das zu verurteilen sollte einen nicht der Pflicht der Erinnerung und eines Blickes in die Geschichte entheben, um nüchtern festzustellen, dass diese Aggression auch das Produkt der Verletzung legitimer Interessen ist, begangen von der Nato. Stichwort Osterweiterung der Nato, Zitat:

„Am 2. Februar 1990 verlautbarten der deutsche und der amerikanische Außenminister Genscher und Baker in Washington vor laufenden Kameras: „Wir waren uns einig, dass nicht die Absicht besteht, das NATO-Verteidigungsgebiet auszudehnen nach Osten. Das gilt übrigens nicht nur in Bezug auf die DDR, die wir nicht einverleiben wollen, sondern das gilt ganz generell.“

In den Jahren danach hat die Nato massiv gegen Inhalt und Geist der Verträge verstoßen und das Einflussgebiet der Nato um Hunderttausende Quadratkilometer nach Osten verschoben. 2008 wollte US-Präsident Bush Junior, missratener Sprössling des 1990er Präsudenten Bush Senior, die Nato sogar um Georgien erweitern. Und um die Ukraine.

Man muss keine intellektuelle Leuchte sein, um nachvollziehen zu können, dass der Russe irgendwann übel angepisst war ob dieser dauerhaften Aggressionen.

Russland handelt ohne Frage verwerflich. Aber sitzen Nato, der Westen, Deutschland, die Medien hierzulande wirklich auf so hohem ethischen Ross? Welche Verantwortung tragen die Genannten am Status quo? Wohin es führt, wenn statt realpolitischer Berücksichtigung aller Interessen vermeintlich moralisches Gutmenschentum in Politik und veröffentlichter Meinung das Primat haben, sehen wir ja. Mir fällt es jedenfalls schwer, sich vorzustellen, wie die Beteiligten aus der aktuellen Situation rauskommen wollen. Welch heiteres Spektakel bietet dagegen doch die Wahl in Berlin.

Solche Probleme hätten andere gerne….

11.02.2023 – Ihr Spießer der Welt, schaut auf diese Stadt!

BILD

Tief im Westen. Von Berlin. Uhland-Fasanenstr.-Passage, Nähe Kudamm, mehr Westberlin geht nicht. Dieser Innenhof war in den 70ern eine Ikone des Modernismus, eine Perle des Städtebaus.

Uns erscheint das so hässlich, dass es davon nur Fotos im Internet von Teilansichten gibt. So ändern sich die Zeiten. Würde mich nicht wundern, wenn das Ensemble unter Denkmalschutz steht, steht es doch als Beton gewordenes Pars pro toto für den damaligen von Zukunftseuphorie getriebenen Zeitgeist. Solche Ecken findet man nur als Flaneur, im ziellosen Sich-Treibenlassen. An Orten wie diesen könnte ich stundenlang verweilen, um etwas von ihrer Aura aufzusaugen. Beton kann doch sprechen.

Schöner Ort? Auf jeden Fall faszinierend.

Am Sonntag ist Wahl in Berlin und in Abwandlung des Ernst-Reuter-Satzes wird es wieder heißen: Ihr Spießer der Welt, schaut auf diese Stadt.

Und über jede Panne und Pleite bei der Wahl wird sich der Mainstream der Medien, Spießer, Bayern, Zombies und Scheintoten ergeifern. Was macht die geschilderte Klientel so wütend über Berlin? Vermutlich unter anderem das Fazit dieser Historikern über Berlin:

»Man zieht nicht nach Berlin, um hier Karriere zu machen und zu Geld zu kommen«

Und weiter: „ …. Man zieht hierher, national und international, um ein bestimmtes Stadterlebnis zu haben – historisch, brandaktuell, dynamisch, kontrovers, konflikthaft. Ich kenne Menschen, die diese Dynamik und Konflikthaftigkeit nicht mehr aushalten und nach Göttingen abwandern. Aber viele mehr wünschen sich, in dieser Stadt zu leben. Und ich kann das verstehen. Für mich ist Berlin nach wie vor die tollste Stadt der Welt. Zumindest der Welt, die ich kenne.

Was wäre das überhaupt für eine Metropole, in der alles funktioniert, wie es in den feuchten Kontrollphantasien der Spießer und Scheintoten zu wuchern scheint? Der perfekte Staat, Orwell, Kafka und Foucault in eins, perfekte Überwachung, Disziplinierung und ausgeklügeltes Strafsystem für jede Normabweichung. Auch wenn ich als Etatist einen starken, intervenierenden und angesichts wachsender Zahl von verrückten Querspinnern, Coronaschwurblerinnen und Antidemokraten auch strafenden Staat verschärft befürworte – die Zeiten haben sich gegenüber den 70ern eben geändert – so hoffe ich an der Stelle doch auf ein Wahldesaster. Die unfähige Stadt inszeniert unfreiwillig ihr eigenes Happening und alle Insassen von SO 36 singen dazu: „Macht kaputt, was Euch kaputt macht“. So geht performative Kunst im 21. Jahrhundert.

Mein Tipp für den Wahlausgang: CDU 23 %, SPD 23 %, Grüne 18 %, Linke 12 %, AfD 11 %, FDP, 4,9 %. Rest: 13 %. Das sind über 100 Prozent. Ist ja auch Berlin. Mein Favorit wäre die Bergpartei : ökoanarchistisch, realdadaistisch, radikalfeministisch, utopisch solidarisch, postidentitär antinational und antisubstanzistisch“ . So eine Partei hab ich mal gegründet, in den Achtzigern. Freibier und Erbsensuppe.

07.02.2023 – Hinweis der Redaktion: Dieser Text ist im Oktober 2021, vor dem Ukraine-Krieg erschienen.

Schuhgeschäft Kurfürstendamm.

„Hinweis der Redaktion: Dieser Text ist im Oktober 2021, vor dem Ukraine-Krieg erschienen.“ So steht es in einem Artikel der BZ über Korruption in der Ukraine und wie sehr Selensky darin involviert ist. Zitat: „ …. das Datenleck der Pandora Papers (das bis dato größte Leak über sogenannte Steueroasen)  deckte auf, dass Selenskyj zu den 38 ukrainischen Politikern gehört, die Geld auf Offshore-Konten versteckt haben. Dabei wurden aus keinem anderen Land mehr Politiker in den Papers genannt als der Ukraine, mit doppelt so vielen Amtsträgern wie das Land auf dem zweiten Platz – Russland. Im Fall Selenskyj handelt es sich um ein Netzwerk von Offshore-Firmen in Belize, Zypern und den Britischen Jungferninseln, an denen nicht nur er vermutlich beteiligt ist (oder einst war), sondern auch einige wichtige Figuren in seinem Präsidialteam und Mitarbeiter seiner Produktionsfirma Kvartal 95. Selenskyj hatte seine Beteiligung an nur einigen dieser Unternehmen während seiner Kandidatur erklärt. …. In den Kiewer Medien wird heftig diskutiert, ob die Pandora Papers eine zweite Amtszeit für Selenskyj unmöglich machen, falls er sich für eine erneute Kandidatur entschließt.“ Stand 16.10.21, also vor dem russischen Überfall.

Was will uns der redaktionelle Hinweis der BZ sagen? Dass sie den Text während des Ukraine-Krieges anders geschrieben hätte? Nicht veröffentlicht hätte? Wir nicht an der vaterländischen Gesinnung des Blattes zweifeln sollen? Die da lautet: Dulce et decorum est pro patria mori. Süss und ehrenvoll ist es für das Vaterland zu sterben? Ohne zu fragen, wer oder was ist das eigentlich: Vaterland?

Bin ich Vaterland oder ist Susanne Klatten, die reichste Frau Deutschlands mit einem Vermögen von ca. 30 Mrd. Euro, Vaterland? Ist Olaf Scholz Vaterland oder die Freiheit?

So viele Berichte. So viele Fragen. Genug des Brechtschen Fragespiels. Soll sich jede das selber fragen, hier oder sonstwo.

06.02.2023 – Das Tor zur Hölle

Irgendwann im 140er Bus, eine Art Kreuzberg Kieztransfer, wenn die Füße beim Flanieren nicht mehr tragen. Das Rad als Stadterkundungsinstrument ist in Berlin eher ein Himmelfahrtskommando, an immer mehr Ecken weiße Räder als Memento mori für von rechtsabbiegenden LKWS plattgewalzte Radler*innen. Der Kopf des Mannes war fast völlig von Plastikfolie umwickelt. Selbstmordversuch? Irgendein Extrem-Fetisch oder Stimulationssupport? Was Kulturelles, Performance oder ne Pilzinfektion? In Berlin ist alles möglich und es kümmert niemanden, schon gar nicht die Businsassinnen. In Bussen als Kieztransfermittel sitzen tagsüber fast ausschließlich Rentner*innen mit ihren Einkaufswägen, junge Migrations-Mütter mit Kinderkarren, Flaneure wie ich und Durchgeknallte wie der Plastikkopf.

War er durchgeknallt? Seine Zigarette zündete sich der Mann jedenfalls brav draußen an, als er am Kotti ausstieg. Das Kottbusser Tor ist momentan mal wieder zyklisch in aller Munde, zu 50 Prozent leben die Medien vom abkupfern. Das Kottbusser Tor ist in der Phantasie von Provinzlern und Spießerinnen das Tor zur Hölle: Dreck & Drogen. Diese wildgewordenen Phantasien gestatten einen tiefen Blick. Nicht so sehr auf den Kotti. Eher in das Innenleben und die Sehnsüchte der Kleinbürger. Abstoßend. Nein, nicht der Kotti.

Natürlich möchte ich da nicht wohnen und ich kann jede Mutter (Väter sind da oft abgängig) verstehen, die ihre Kinder hier nicht aufwachsen sehen möchte. Ich sitze mitunter im Flanieren da, der Kotti ist von meiner Homebase im Bergmannkiez im eher schicken Kreuzberg aus eine Art Verteilzentrum in die Richtungen Friedrichshain, Neukölln und SO 36, woher unser Plastikkopf vermutlich stammt.

Es stimmt, es ist laut da, dreckig, es stinkt, Pisse, Kotze, und sieht mitunter erbärmlich, für ängstliche Gemüter bedrohlich aus. Aber das ist nur die Erscheinung, der Spiegel zieht in einem angenehm unaufgeregten Artikel das zutreffende Fazit:

„Was ist der Kotti für Sie, Herr Aktürk? »Meine Heimat.«

Wer auch nur mal zwei Stunden in einem orientalischen Café dort Tee getrunken hat, merkt das. Das ist Heimat da.

Hintergrund der Artikel: Die Eröffnung einer Polizeiwache am Kotti. Repression statt Sozialarbeit. Zitat BZ (raten Sie mal, aus welche Hause die stammt): „Donnerstag kamen Innensenatorin Iris Spranger (SPD) und die Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) in die künftige Polizeistation im Herzen Kreuzbergs – und wurden erstmal von Demonstranten beschimpft. Eine Gruppe junger Linker.“

Da läuft der Kleinbürger Amok und die SPD freut sich über zusätzliche Stimmen nächsten Sonntag bei der Wahl. Und nein, hier keine abgehangenen Witze über Berlin Wahlen, Chaos, Flughafen. Wer den Hauch von Freiheit und Anarchie in Berlin schätzt – auch wenn das nur noch ein Mythos ist, nehmen Mythen doch durchaus materiellen Gehalt in unserem Erleben an – der muss auch Chaos-Wahlen in Kauf nehmen. Die ja eh nix ändern, sonst wären sie schon lange verboten.

Schadensbilanz: Ich weiß nicht, wieviel Geld im Drogenhandel täglich am Kotti umgesetzt wird, Tausende Euro? Andrea Tandler ist die Tochter des korrupten ehemaligen CSU-Finanzministers Gerold Tandler, der nach Rücktritt und Einstellung (natürlich, was sonst) der strafrechtlichen Ermittlungen gegen Geldbuße Vorstandsmitglied der Linde AG wurde. Andrea Tandler sitzt in U-Haft, nachdem sie sich 48 Millionen Euro Provision für korrupte Maskendeals erschlichen hat. Familien-Bande.

Wenn Sie, liebe Leserinnen, demnächst am Kotti über einen Haufen Kotze stolpern, der könnte von mir sein.