18.04.2019 – Notre Dame und die Banlieues


Alle Jahre wieder: Gefüllte Zwerge und Goldene Neger.
Die Garten-Saison ist mitten im Gang. Ich hasse diese primitiven Tätigkeiten wie Baumschnitt, Rasen säen, umgraben. Das befördert den zivilisatorischen Fortschritt kein bisschen, man kriegt einen Hexenschuss und hat man je davon gehört, dass Karl Marx oder Immanuel Kant im Garten gearbeitet hätten?
Gäbe es nicht sowas wie gefüllte Zwerge und goldene Neger, würde ich bei mir einen Kunstrasen ausrollen und Plastikblumen drauf kleben. Die kann man dann im Frühling sauber kärchern und Ende Gelände Gartenarbeit.
Mit einem Kärcher die Banlieues Frankreichs von renitenten Jugendlichen säubern wollte auch schon der vormalige Premierminister Sarkozy, den einen „abgefüllten Zwerg“ zu nennen mir der Anstand, den dieser gallische Trunkenbold nie hatte, verbietet, obwohl der Mann wiederholt brettlbreit in laufende Kameras hineinlallte und kaum über 1,65 groß sein dürfte. Eher noch kleiner war Napoleon, den sich der von mir sonst höchstgeschätzte Deutschlandfunk nicht entblödete, in einem Kommentar als einen Gründungsmythos von Europa zu beschwören. Es ging um den Brand von Notre Dame und welche Bedeutung doch diese Kathedrale für den europäischen Gedanken hätte, vor dem Hintergrund der darin stattgefundenen historischen Momente, wie eben der Kaiserkrönung Napoleons. Und der Tränen Kohls bei der Beerdigung Mitterands.
Da hat’s mich dann doch echt vom Stuhl gekegelt vor Lachen. Die Kaiserkrönung Napoleons war ein Verrat an den demokratischen Idealen der französischen Revolution und folgerichtig hat der Mann danach Europa mit einem nie dagewesenen imperialen Eroberungskrieg überzogen, mit ungezählten Toten.
Und die Tränen vom verblichenen dicken Birne (Göttin hab ihn selig, der Mann war im Vergleich zu seinem Nachfolger, dem Parvenü Schröder, ein Gigant an Sympathie) als Kitt für Europa zu feiern, dazu muss man entweder schwerst bekifft sein oder aber, und letzteres trifft dann wohl leider auf die hier zitierte Kommentatorin des Deutschlandfunks zu, in schwerem Wasser sich befinden. Man tut dem Deutschlandfunk nicht unrecht, wenn man ihn als Hort des liberalen, weltoffenen Bildungsbürgertums bezeichnet, und dem schwimmen angesichts des innergesellschaftlichen und europäischen Verfalls der demokratischen Ideale bis weit in die Mitte der wutbürgerlichen Gesellschaft hinein die Felle davon. Da zerrt sich das weltoffene Bildungsbürgertum bei jeder Gelegenheit Argumente herbei, egal wie unpassend, siehe Napoleon und die Tränen Kohls, um dagegen zu halten. Das mag in manchen Fällen löblich sein, im Fall Notre Dame ist es nicht nur neben der Kappe, sondern kontraproduktiv. Für was ein und für wessen Europa steht denn Notre Dame? Doch offensichtlich für ein Europa der Eliten, siehe das Engagement der französischen Milliardäre, und für ein Europa des wohlsituierten Bürgertums.
Für die brennenden Banlieues, Vororte, sozialen Brennpunkte in ganz Europa interessiert sich kein Schwein. Auch das ist ein europäisches Kulturerbe, aber ein düsteres. Das zu ignorieren und angesichts Notre Dame einen tränenreichen, hysterisierenden Aufriss zu machen als stünde Attila vor den Toren Roms, diese ideologische Verblendung treibt die Spaltung Europas und damit dessen Ende als verbindendes, demokratisches Ganzes nur voran. Den Menschen in den Banlieues dürfte Notre Dame am Arsch lang gehen und ihre Wut durch die Spenden-Millionen der Milliardäre nur angefacht werden.
Und denen, die in all dem Tränenmeer ihren Kopf, den Träger des Verstandes, noch über Wasser halten können, sei jener aufgeklärte säkulare Umgang mit Notre Dame in Folge der französischen Revolution in Erinnerung gerufen: Da war der Trum nämlich ein Weindepot. Prost.
Und ich muss jetzt in den Garten. Mein Gärtner kommt.

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