23.05.2019 – Natürliche Schönheit, klassische Eleganz und Brand-Sätze


Die natürliche Schönheit eines Feldblumenstraußes und die klassische Eleganz einer David-Austin-Edelrose gehen hier eine zauberhafte Symbiose ein und spenden ästhetischen Trost in politisch düsteren Zeiten. Ästhetik ist eine sublime Form von Sinnlichkeit und die hohe Schule der Genussfähigkeit. Schützt aber leider vor Barbarei nicht. Es gibt jede Menge kultivierte Barbaren, was ein weiteres Indiz dafür ist, dass die Kultur ein ganz zweischneidiges Ding ist, wohingegen die Zivilisation ein unter allen Umständen hochzuhaltendes Wesen ist. Ein Wesen, das kultivierten Barbaren, wie eben Nazis, vollkommen abgeht.
Hitler liebte Richard Wagner, dessen Musik vor Sinnlichkeit und Wohlklang nur so strotzt und als eine vollendete Form von bürgerlicher Ästhetik betrachtet werden kann. Der von mir höchst verehrte Friedrich Hölderlin war Leib- und Magendichter der Nazis, ein ganz grässliches Missverständnis.
Wir wissen nicht, ob der von mir nicht nur überhaupt nicht verehrte sondern mit Unbehagen und Missmut betrachtete Wolfgang Schäuble die Gedichte seines schwäbischen Landsmannes Hölderlin im Tornister trägt oder sogar liest und schätzt. Missverstandene Sentenzen als Grundlage für sein antiegalitäres Denken fände er zuhauf. Mir geht Schäubles Satz „Wahlen ändern nichts. Es gibt Regeln.“ immer noch im Kopf rum. Es gibt im Netz jede Menge Zitate von Schäuble, fast alles Plattitüden, hohles Stroh und Binsen, aber zu diesem höchst brisanten Satz, gefallen in der Griechenland-Krise, fast nichts. Die Originalquelle ist die BBC, vertrauenswürdiger geht es kaum:
„Alexis Tsipras believes the existing deal is a disaster and says he has a democratic mandate to demand changes. And this exposes democracy’s limits within the European Union. The German finance minister Wolfgang Schaeuble says: „Elections change nothing. There are rules“.
Tsipras hatte zum Höhepunkt der Griechenland-Krise ein demokratisches Mandat, die asoziale Austeritätspolitik der EU, unter Federführung von Schäuble, zumindest in Teilen zu konterkarieren, um das Massenelend etwas abzumildern. Schäuble und die EU haben ihre Regeln auf ganzer Front durchgesetzt. Welche Regeln meinte Schäuble, die so grundlegend seien, dass sie sogar demokratische Legitimation außer Kraft setzen?
Die Regeln des freien Marktes. Des Kapitalismus also, dessen Kathedralen, die Banken, unter allen Umständen, koste es, was es wolle, auf Kosten der Steuerzahlerinnen gerettet werden müssen, und dessen Religion, der Glaube an die Unverletzbarkeit des Privateigentums, an die Ausbeutung also der Vielen durch die Wenigen, unter keinen Umständen angetastet werden darf. Koste es, was es wolle, und wenn es die Demokratie kostet. Das sind die Regeln.
Der Ungeist, der aus diesem Satz von Wolfgang Schäuble spricht, ist der Ungeist von Pinochet und dessen autokratischen Widergängern Putin, Orban und Erdogan, die mit allerlei Wortklimbim von Religion, Familie, Vaterland und Ehre die Demokratie zu Fall brachten, immer im Namen der Regeln. Sollte sich bei „uns“ in demokratischen Wahlen die Mehrheit für eine Änderung der Religion des Privateigentums entscheiden, was absehbar bis zum St. Nimmerleinstag nicht stattfinden wird, werden Leute vom Schlage eines Schäuble Gewehr bei Fuß stehen. Und das nicht nur metaphorisch.
Der Satz von Wolfgang Schäuble „Wahlen ändern nichts. Es gibt Regeln.“ ist ein Brand-Satz, geschleudert gegen die Demokratie. Verbal geschleudert. Noch.
Jetzt verstehen Sie, liebe Leserinnen, vielleicht besser, warum ich Dinge wie natürliche Schönheit und klassische Eleganz so schätze. Sonnige Restwoche und dito Gemüt wünsche ich.

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