12.06.2019 – Ich fahre lieber mit dem Fahrrad zum Strand als mit dem Mercedes zur Arbeit. Ente der Durchsage.


Früher hab ich mich um die Johannisbeeren in meinem Garten immer mit den Vögeln regelrecht geprügelt, saß mit Mordphantasien auf der Veranda und legte imaginäre Luftgewehre auf die Diebe an. Bei Weintrauben habe ich sogar Netze gespannt, der Wein ist mir ein heiliges Kulturgut. Nicht dass die Ernte üppig wäre, ich hab nur je einen Strauch Beeren vom Stamme Johannis, Him und Brom. Aber es sind MEINE Beeren, unvergleichlich auf dem Planeten, nie gab es köstlichere. Das Prinzip Eigentum sitzt sehr tief in uns und ob uns jemals kollektive Utopien wie der Sozialismus vor der Barbarei retten, hängt entscheidend davon ab, was wir als Gewinn erkennen, anstelle des Prinzips Eigentums. Also ob am Horizont ein gesellschaftlicher Mehrwert aufscheint, der über das bloße Haben, Besitzen hinausgeht, so etwas wie eine realistische Option auf Gleichheit, Freiheit, Schwesterlichkeit (diesen Begriff kennt mein Thesaurus nicht, eine Tatsache, die nicht mehr kommentiert werden muss).
Ich bin skeptisch und wenn es im Wettbüro eine Platzierungsmöglichkeit gäbe, würde ich auf die Variante „Barbarei“ setzen (Zum Rosa-Luxemburg-Zitat „Sozialismus oder Barbarei?“ hier der Link zum lesenswerten Originaltext von 1916, in dem es u. a . heißt:“ … Mitten in diesem Hexensabbat vollzog sich eine weltgeschichtliche Katastrophe: die Kapitulation der internationalen Sozialdemokratie. …“
103 Jahre später merken es alle.)
Wir entfernen uns im Moment in Riesenschritten von einer konkreten Utopie. Ein wahlloser Blick auf die Überschriften bei spiegel-online.de vom 10.06.2019
Nach Rettungsaktion Tunesien verwehrt Boot mit Flüchtlingen Zugang zu Hafen
Film über US-Jugendproteste „Mein ganzes Leben besteht aus Waffengewalt“
Canterbury in England Mob prügelt 17-jährigen deutschen Austauschschüler ins Koma
…..
Berliner Architekturstreit Ist Albert Speer wieder da?

In der Reihenfolge zitiert, in der sie da standen.
Seufz jaul jammer zeter, so würde der von mir verehrte Donald (Motto: Ich fahre lieber mit dem Fahrrad zum Strand als mit dem Mercedes zur Arbeit. Ente der Durchsage.) die Weltgeschichte auf den Punkt bringen
Was bleibt, ist die individuelle Utopie. Sie gründet auf der Fähigkeit des Menschen, sich zu ändern. Und so sitze ich heuer auf der Veranda und warte wohlwollend auf Vögel, die sich an den Beeren laben.
Es kommen aber keine mehr.

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