27.06.2019 – Früher war zwar nicht alles besser, aber billiger.


Früher war zwar nicht alles besser, aber billiger.
Wie setzt man die eigenen Erinnerungen und Erfahrungen in angemessene, handlungsorientierte Relation zur Gegenwart? Ältere neigen zu Einstellungen wie „Früher war alles besser“ und „Die Jugend taugt nichts“. Ich schließe mich da nicht aus. Als ich las, dass bei der großen Fridays for Future Demo neulich 50.000 waren, dachte ich:“ Gegen den Nato-Doppelbeschluss sind 1,5 Millionen im Oktober 83 bundesweit auf die Straße gegangen, im Bonner Hofgarten allein waren bei einer Demo 400.000, und der Doppelbeschluss ist trotzdem gekommen. Und wie viele von den 50.000 laufen da nur mit, weil es gerade cool ist? Wo ist da das Potential für eine soziale Bewegung analog der klassischen Arbeiter-, Frauen- oder Friedensbewegung?“
Nachhaltige politische Veränderungen bedürfen des Drucks sozialer Bewegungen, die, so lehrt es zumindest die Geschichte, auch über die Straße Druck entfalten können. Das reicht natürlich nicht, es braucht auch Unterstützung in den Medien, Akzeptanz im Mainstream, Bündnispartner wie Gewerkschaften, charismatische Führungspersonen, starke Symbole und Claims, und an den Rändern den Mut zur Militanz und Illegalität, um nur ein paar Bedingungen für das Zustandekommen und Funktionieren sozialer Bewegungen zu nennen.
Das ist allerdings sehr stark analog gedacht.
Der Dreh- und Angelpunkt dieser Überlegungen ist Öffentlichkeit, eine der kostbarsten Errungenschaften der Aufklärung, die Möglichkeit, für das eigene Interesse Öffentlichkeit zu erzeugen. Nicht umsonst ist das stärkste Bestreben aller autoritären Regime, Öffentlichkeit zu kontrollieren. Der Begriff „Öffentlichkeit“ wird aber zunehmend digital aufgeladen, siehe soziale Medien, Filterblasen etc. pp. Was das für Öffentlichkeit, soziale Bewegungen und die Möglichkeit von gesellschaftlichen Veränderungen bedeutet, zeichnet sich aus meiner Sicht überhaupt erst schemenhaft am Horizont der Geschichte ab. Ich glaube nach wie vor, dass es Analoges braucht, den Druck von Vielen auf der Straße. Ich glaube allerdings auch, dass ich 120 werde.
Glauben heißt eben: nicht Wissen. Preisfrage: Wenn Wissen Macht ist, in welchem Verhältnis steht dann Glauben zur Macht?

Grübeln Sie, liebe Leserinnen, nicht zu lange darüber nach. Was bleibt: einfach mal alles wegtanzen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.