10.07.2019 – Exkurs über Pop


Toto mit „Africa“. Spandauer Zitadelle, 30.06.2019.
Am heißesten Tag seit Bestehen des Universums hing ich in der Spandauer Zitadelle ab, wo die Popkapelle Toto ihre über 40jährige Hitgeschichte zelebrierte. Temperaturen wie in Afrika, ich war froh, ungedörrt am Ziel anzukommen. Die Spandauer Zitadelle ist eine überaus stilvolle und angenehme Open-Air Location und vermutlich der einzige Ort auf der Welt, wo ich mir die Gegenwart von 5.000 anderen Popfans gefallen lasse, schattig, viel Platz und gut gemixte Cocktails. Toto selber betrachte ich als eine meiner wenigen Geschmacksverirrungen, eine uncoole Band, zu der man sich in Vernissage-Kreisen eher nicht bekannte. Anders als beispielsweise Steely Dan oder Little Feat, (wobei letztere allerdings Rock’n Roll pur sind). Wenn man sich zu denen bekannte, bedeutete das einen hohen Grad an Distinktion. Popkultur dient immer auch zur Abgrenzung und dem Zugewinn an Sozialstatus.
Allerdings erwartet einen bei Toto wegen der hohen handwerklichen Fähigkeiten und dem kompositorischen Geschick der Musiker immer ein perfektes Konzert. Ich vermutete als Publikum jede Menge uncoole Leute wie Männer in Shorts und mit Socken, was stimmte, und ausschließlich die Generation „Ich-hab -Rücken-und-krieg-demnächst-Rollator“. Was absolut nicht zutraf. Die Hälfte des Publikums waren junge Hüpferinnen. Das war derart eklatant, dass ich noch vor Ort googlete. Ein Nr. 1 Hit von Toto aus den Achtzigern, Africa, ist vor ein paar Jahren offensichtlich eine virale Bombe geworden. Wieso genau, weiß keine, eine Netflix Serie mit dem Titel als Filmmusik, ein Youtuber, die Coverversion einer Alternative Band…? Jedenfalls hat das Lied über eine halbe Milliarde Klicks, ein Vielfaches von dem ihrer anderen Hits zusammen, und dieses digitale Jugend-Phänomen war eben auch im Publikum zu beobachten, viral goes live. Wer will, kann sich hier ein paar Takte bis zum ersten Refrain angucken, wie junge Leute glücklich und unironisch zu dem Lied rumhüpfen. Pop ohne Ironie ist für mich eigentlich ein Unding. Pop ist im Grunde Ironie pur.
Der für ein bürgerliches Organ durchaus lesbare Berliner Tagesspiegel ist dem Phänomen auf die Spuren gestiegen und bezeichnet „Africa“ als den Popsong schlechthin. Wenn man Pop als die perfekte, aufregende und oberflächliche Widerspiegelung einer beschissenen Welt betrachtet, kann man das so sehen. Die Texte von Toto sind so flach wie ein Einzeller, nur nicht so vielschichtig.
Ich grinste mir eins, genoss ein tolles Konzert und mir fiel meine persönliche Erfahrung zu Toto wieder ein, die mich beinahe echtes Geld gekostet hätte. Die Geschichte des englischsprachigen Pops ist voller falsch verstandener Texte, z. B. aus „I’ve got the Power“ wird der Verhörklassiker „Agathe Bauer“ oder Queens „… and bad mistakes“ (in „We are the champions“) wird zu „I made me steaks“. Mein persönlich falsch verstandener Text bei Toto: Statt richtig „Hold the line“ falsch „Hold the light“. Genau das war aber die Frage bei einem TV Quiz, wobei es nicht nur um die Ehre ging: Wie heißt dieser Song?

I am nach wie vor the champion.
Bei diesem Quiz ging die Sache trotz der falschen Antwort gut aus, ich konnte den Herausforderer durch K.- O. in der letzten Runde besiegen.
Die Geschichte hatte ich vergessen und sie fiel mir schlagartig bei den ersten Takten des Liedes ein. Bei einem anderen Quiz-Ausgang hätte der Abend einen Schatten bekommen.
So aber war es Vergnügen ohne Reue.
Pop eben.

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