13.07.2019 – Ehrenwerte Gesellschaft


AbsetzBar, Berlin-Charlottenburg. Eine feine Gegend, in der ehrenwerte Gesellschaft Zuhause ist: Nobelgeschäfte, Bürgerhäuser mit allerlei Zierrat, Edelitaliener, jede Menge Anwaltspraxen und Steuerberater, die sich nach gelungenem Vertragsabschluss noch auf einen Absacker in der AbsetzBar treffen und schenkelklopfend darüber feixen, ob der Deal eben gerade noch legal war oder nicht. Letzteres nennt man Steuerhinterziehung, ersteres aggressive Steuervermeidung, beides zusammen hat in der BRD eine Größenordnung von über 200 Milliarden Euro. Per Anno natürlich.
Im Bezirk Berlin-Charlottenburg wohnt der Weiße-Kragen-Nazi Thilo Sarrazin, einer der letzten Nägel zum Sarg der SPD. Dort gelegen ist auch der Walter-Benjamin-Platz, benannt nach meinem Lieblingsphilosophen, einem linken, jüdischen Freigeist, der auf der Flucht vor den Nazis in den Pyrenäen Selbstmord beging. Am Walter-Benjamin-Platz hat der Architekt Kollhoff eine Platte mit einem antisemitisch konnotierten Text des bis an sein Lebensende 1972 dem Faschismus anhängenden Ezra Pound im Boden versenken lassen, wozu die Architekturhistorikerin Verena Hartbaum schreibt „ …. (dass) der konservative Architekt eine antisemitische Flaschenpost aus der Zeit des italienischen Faschismus in die deutsche Gegenwart hineingeschmuggelt hat“.
Die Umgebung des Walter-Benjamin-Platz ist übrigens übersät mit Stolpersteinen, die an dort wohnende und später ermordete Jüdinnen und Juden erinnern, Charlottenburg war eine Hochburg des großbürgerlichen und linken Judentums in Berlin.
Wer wie Kollhoff handelt, ist ein Bruder im Geiste von Thilo Sarrazin, Björn Höcke, usw. usf. und ein geistiger Brandstifter. Wahnhaften Irren gleich, treibt es solche Täter immer wieder an Tatorte, an Orte, die mit dem Grauen des Holocaust kontaminiert sind, sie können die Ermordeten nicht ruhen lassen. Der Eine macht es mit der Waffe seiner Halbbildung, der Andere schändet Gedenkstätten mit Springerstiefeln und Brandsätzen.
Ich überlegte für einen Moment, mir einen Presslufthammer zu besorgen und die Tafel da rauszubohren. Aber ach, ich bin ein Arbeiter der Stirn und nicht der Faust, und dieses Unterfangen wäre böse geendet (nicht der eventuell fällige Knast hätte mich geschreckt, dort hätte ich endlich mein Opus Magnum beenden können, nein, es war mir ausschließlich um meine körperliche Unversehrtheit zu tun, ohne Beine flaniert sich’s schlecht).
Ja, das Ambiente in Charlottenburg gefällt mir gut, die Weine sind fein und erlesen, das Essen, das dort credenzt wird, sagt mir zu und die Garderoben der Damen, die dortselbst flanieren, finden mitunter durchaus mein Wohlgefallen
Aber dort wohnen?
Lieber 20 qm Platte Marzahn als 100 qm Stuck in Charlottenburg.
Zum Schluss ein Bilderwitz, aus meiner derzeitigen Hood Moabit.

Der Reichstag ein Haus der Kulturen der Welt? Das ist ein echter Brüller.
Richtig ist vielmehr, dass jenes „Haus der Kulturen der Welt“ die sogenannte „Schwangere Auster“ ist, wo mitunter sensationelle Ausstellungen und Konzerte stattfinden. Einmal über die Spree und schon bin ich dabei.
Wer braucht da schon Charlottenburg und seine Ehrenwerte Gesellschaft.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.