21.07.2019 – Es wird gelesen, was auf den Tisch kommt


EXPO – wir lieben Dich brennend.
Ich lese gerade das Buch „Berlin – Stadt der Revolte“ von Michael Sontheimer und Peter Wensierski, erschienen 2018 im Ch. Links Verlag. Das Buch ist für mich eine doppelt ärgerliche Lektüre, erstens inhaltlich und zweitens ärgere ich mich über mich selbst, dass ich den Schinken überhaupt zu Ende lese. Das Buch listet Anekdoten auf von Orten, die Schauplätze oder Kulisse unterschiedlicher Aufstände waren, in einem peinlich-schülerhaften Authentizitätston, als ob die Autoren immer und überall dabei gewesen wären, eine Analyse findet nicht statt. Mit Kitschüberschriften wie „Ein Schuss in viele Köpfe“ (Zum Tod Benno Ohnesorgs). Es muss sich um einen Sockenschuss an den Kopf der Autoren gehandelt haben.
Es wäre ja mal interessant gewesen, näher als in zwei Halbsätzen zu erfahren, warum sich an manchen Orten, Kreuzberg im Westen oder Prenzlauer Berg im Osten, solche Orte ballen. Ganz zu schweigen von Differenzierungen zwischen legaler und legitimer Opposition, was das Spannungsfeld der Bürgerbewegung im Ostteil der Stadt kennzeichnete, und den gewaltbereiten, autonomen Aufständen rund um die Hausbesetzerszenen im Westen, siehe „Kreuzberg brennt“. Wer mehr Kritisches erfahren will, hier.
Natürlich sind auch schöne, mir unbekannte Geschichten darin, wie die über den „Schwarzen Kanal“, einen Ost-West-Piratensender in Prenzlberg, also DDR, in dem westdeutsche Autonome und ostdeutsche Bürgerbewegte unter hohem Risiko Oppositionelles zur Atomkraft-Situation nach Tschernobyl sendeten, Bürgerradio vom feinsten. Und bei vielen Orte nickte ich kennerhaft: „Kenn ick, wa, bin ick jestern vorbei jeradelt, wohn ick umme Ecke, wa.“
Aber was bleibt, ist der Ärger über vertane Zeit, Geld und die wiederholte Verwunderung, wie tief und nachhaltig meine Erziehung wirkt. Einer der 467 Erziehungs-Leitsätze, gegen die das Abtreibungsverbot der katholischen Kirche eine lockere Diskussions-Tischvorlage ist, lautete: „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt und der Teller wird leergemacht, eher stehst Du nicht auf, und solange Du die Füße unter meinen Tisch steckst …“
Dieses unausrottbare Genügsamkeitsdiktum hat zur Folge, dass ich an Lebensmitteln pro Jahr maximal ein Kilo wegschmeiße, und das ist noch hochgeschätzt. In der BRD sind im Durchschnitt pro Person 82 kg, zwei Einkaufswagen voll bis obenhin im Wert von 284 Euro. So weit so positiv.
Negativ wird dieses Reste-Verwertungs-Programmierung aber in anderen Lebensbereichen: Ich lese Scheißbücher zu Ende, was mir Zeit stiehlt, gucke mir dämliche Theateraufführungen bis zum Schluss an und habe echte Probleme, mich aus öden, dämlichen Gesprächen und Diskussionen zurückzuziehen. Nach Jahrzehnten stiller Duldung habe ich es jetzt endlich fertiggebracht, nervende Gäste loszuwerden mit der Ansage: „Oh, die böse, böse Uhr, vertreibt die lieben Gäste! Böse Uhr!“
Schön wäre es ja auch gewesen, in diesem Buch, was leider zu dick ist, um unter das wackelnde Gartentischbein gepackt zu werden, was zu erfahren über Veränderungen: was passiert warum mit Orten und Protagonisten im Laufe der Jahre, warum ist es so, dass Berlin „nicht mehr junge Anarchisten und Künstler an(zieht), sondern die karrieristischen Töchter und Söhne der Wohlhabenden aus München und Stuttgart“. Und was bedeutet das für zukünftige Formen von Revolte. Also ich wäre gerne Pate eines zukünftig besetzten Hauses, ich war ja selber mal jung & rebellisch. Ich besitze heute noch das oben abgebildete Feuerzeug aus der militanten Anti-Expo 2000 Bewegung in Hannover!
Ich mutierte dann aber innerhalb von zwei EXPO Besuchen vom Saulus zum glühenden EXPO Paulus.
Aber das ist eine ganz andere Geschichte. Ich muss jetzt das Buch zu Ende lesen…

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