31.07.2019 – Was für eine Glücksquote haben Sie beim genetischen Lotto?


Ausstellung „Garten der irdischen Freuden“, Gropius-Bau, Kreuzberg.
Diese Installation hat was von Alice in Wonderland. Im Kontrast dazu im Raum vorher ein Gemälde „Der Garten der Lüste“ in der Nachfolge von Hieronymus Bosch, um 1550.
Es geht in der Ausstellung um den Garten als Metapher für den Zustand der Welt. Was für eine Kunstausstellung logisch ist, weil wir uns sonst in einem Gartencenter befänden, wo es um den Garten als Zustand unseres trauten Heimes ginge. Eine der optisch opulentesten Ausstellungen seit langem, hoher Spaßfaktor, mein gedankenschwerer Kopf wurde freigeblasen, aber auch mit Erkenntnis und Selbstreflexion wieder gefüllt.
Museum als Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit, ästhetische Erziehung par excellence.

Eine Installation aus Südafrika bestand aus abgebrochenen Flaschen, Scherben. Die – schwarze – Mehrheit in Südafrika kann sich keine Gärten leisten. Sie kennt Gärten nur in Form von Glasscherben, die auf den hohen Mauern von Gartenbesitzern, der weißen Minderheit, einbetoniert sind, um Eindringlinge fernzuhalten. Klasse & Rasse, neben Geschlecht die globalen Trennlinien überhaupt, das sind die Grundlagen für Macht und Unterdrückung.
Mir fiel mein eigener Garten ein, ein kleines Paradies inmitten eines angesagten Kiezes, eine Art Sechser im Lotto, an den ich mehr oder weniger durch einen Zufall gekommen bin. Glück eben.
Ich fing an, die Glücksquote meines Lebens auszurechnen, all die Dinge, zu denen ich ohne jegliches Zutun, eigene Leistung und Verantwortung gekommen bin: Meine Trefferquote im genetischen Lotto.
Also: ich wurde in eine Region hineingeboren, die ohne Kriege, brutale Verfolgung, offene Unterdrückung ist, der Terror hält sich in Grenzen, hier gibt es keine Seuchen, außer Blödheit, keine Naturkatastrophen, keine wilden Tiere (sieht man mal vom Wolf ab, der aber nicht mehr als 20 – 30 kleine Kinder pro Tag verzehrt), der Staat funktioniert, die Klassengegensätze sind formalisiert und verdeckt. Das grenzt das Ganze schon erheblich ein auf Nord- und Mitteleuropa, Japan, Kanada (USA in Teilen schon nicht mehr) und bisschen Neuseeland, Australien und so Kleinzeug, wo wir mal die Ureinwohnerinnen außen vorlassen. Weiter: Ich bin männlich, weiß, nicht geflüchtet, nicht behindert, Mittelschichtskind mit ordentlicher Bildung. Ich hab bestimmt noch ein paar Parameter vergessen, die mich im genetischen Lotto bevorteilten, aber es reicht auch so schon, um zu sagen: Ich bin ein Glückskind, mit einer Glücksquote von ca. 1:100. Das fiel mir eben gerade wieder ein, als ich auf der Veranda vor mich hin muffelte:

Warum scheint eigentlich die Sonne jetzt nicht?
Und was für eine Glücksquote haben Sie beim genetischen Lotto, liebe Leserinnen?
Viel Spaß beim Nachrechnen.

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