06.08.2019 – Fin de Siècle 2.0


Ich lag am Teufelssee und schaute den Kiefernnadeln über mir beim Wachsen zu.
Es war ein sehr heißer, trockener Tag. Ich wartete an den Ampeln darauf, dass auf den Dauerbesonnten Kreuzungen in Berlin der Asphalt aufplatzte, mit Blasen, wie Milch, wenn sie kocht. Tat er nicht. Wir sind ja hier nicht in einem Öko-Kitschfilm. Wer konnte, floh wie ich in den Schatten, an Badeseen. Manchmal streifte ein Gedanke mein Gemüt, aber er blieb nie haften. Einzig die Entscheidung, wann ich wieder eine Runde schwimmen würde, belästigte mein Gehirn im halbstündigen – oder war es halbjährlich? Wen interessiert Zeit unter solchen Bedingungen – Rhythmus. Ich versuchte, den Tagesspiegel zu lesen, aber die Artikel lösten in mir ein ähnliches Interesse aus wie die Lektüre von 6 Seiten „Müller“ aus dem Telefonbuch. Die Welt ist eine Ansammlung von Katastrophen, die Kunst ist bunt, die Dürre verheerend, ein Bombenanschlag, der Arbeitsmarkt ist noch stabil, die Immobilienpreise steigen, ein Fußballer hat ein Tor geschossen, ein Mann mit einer Gitarre singt blablabla zu einer Tonika und 100.000 Leute in einem Stadion nässen sich ein vor Freude …..
Auf einmal setzt sich ein Widerhaken in Form eines echten Gedankens in meinem Hirn fest und ich rolle mich auf den Bauch, fast begeistert, immerhin ist es auch schon 18 Uhr und die sedierende Sonne verschwindet langsam hinter den Baumwipfeln am Teufelssee, der in einer Senke liegt.
Leben wir vielleicht in einem neuen Fin de Siècle, 2.0, so der Gedanke? Unsere Besserwisserin Vicky P. Dia meint dazu:
„ … bezeichnet eine künstlerische Bewegung in der Zeit von etwa 1890 bis 1914…. Die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg war von einem Bewusstsein geprägt, dass eine Epoche sich endgültig dem Ende zugeneigt hatte….
… Die Zeit war geprägt von einem Schwanken zwischen Aufbruchsstimmung, Zukunftseuphorie, diffuser Zukunftsangst und Regression, Endzeitstimmung, Lebensüberdruss, Weltschmerz, Faszination von Tod und Vergänglichkeit, Leichtlebigkeit, Frivolität und Dekadenz. Eine allgemeine Krise ergriff die maßgebenden Gesellschaftsschichten, weil Grundwerte des sozialen Lebens gefährdet schienen.
…. vollzog sich eine kontinuierliche militärische Aufrüstung …“

Passt.
Jetzt hab ich Denkfutter. Künste sind Seismographen, wenn sie gut sind, spiegeln sie oft zuerst aufkommende Zeitenwenden. Wenn sie schlecht sind, geben sie nur den herrschenden Zeitgeist wieder, der immer der Geist der Herrschenden ist.
Wie sieht es aktuell mit einem Fin de Siècle 2.0 aus? Was ist mit Literatur, bildender Kunst, Popmusik? Spiegeln sie so etwas wie einen Eve of destruction wieder, wo es heisst: “If the button is pushed, there’s no runnin‘ away.” (Was den „Öko-Eve of destruction“ angeht, spiegeln die Künste nur den herrschenden Zeitgeist wieder, langweilig und angepasst rennen sie Türen ein, die eh sperrangelweit offen stehen, Betroffenheitskitsch oft.)
Zeitgenössische Popmusik interessiert mich einen Furz, zeitgenössische Literatur würde mich interessieren, lese ich aber nicht, zeitgenössische Kunst gucke ich mir oft an, aber deren Subsummierung in Styles, Schulen, Kategorien, Genres interessiert mich auch nicht. Dieses geballte Nichtwissen ist ja eine tolle Grundlage für die Verfolgung des Gedankens Fin de Siècle 2.0.
Je mehr und rapider sich die Welt verändert, und ich versuche, mich mit zu ändern, um ein bisschen davon zu verstehen, desto mehr gehen Sicherheiten flöten. Früher hatte ich zu allem eine Meinung. Jetzt gucke ich den Kiefernnadeln beim Wachsen zu.

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