10.08.2019 – Vom Job in den Blog oder: Tödliche Probleme und andere Problemchen


Installation vor dem Berliner Hauptbahnhof. Die kleinen Aufkleber überall sind Preisschilder. Es geht um die Situation von Sexarbeiter*innen, oft mit migrantischem Hintergrund, oft unter lebensgefährlichen Bedingungen, weil „Lovemobils“ (Love?) z. B. an einsamen Plätzen stehen, was Raub, Vergewaltigung und Mord begünstigt.
Wenn ich aus dem Berliner Bahnhof komme, bin ich ohne Ausnahme guter Dinge. Ist es dienstlich, so ist es nie mit Stress oder Überforderung verbunden, ist es privat, ist es immer ein Wechsel in spannende Zeiten, fern der Ebenen des Alltags. Diese fröhliche Grundstimmung wurde mir unlängst getrübt, durch diese Installation, und das hat mir gefallen. Kunst muss auch verstören, einen für Momente aus der Komfortzone kicken, und vor Augen führen, wie pillepalle doch mitunter die eigenen Gedanken, gar Problemchen sind. Und wenn das optisch so verstörend und expressiv ist, wie in dem Fall, dann: Chapeau.
Die Geschichte, die einige der eigenen Irritationen relativiert, fiel mir bei der Sichtung der aktuellen Schlagzeilen ein. Es gibt sie ja doch noch: die anderen Problemchen. Eigentlich hatte ich z. B. für mich die Themen Fußball und SPD abgehakt, im Schreiben darüber war mir das Elend Beider hinreichend klar geworden. Beim Fall Olaf Lies, der als niedersächsischer SPD-Bau-Minister ein Angebot der Energiewirtschaft abgelehnt hatte, obwohl er da ein Mehrfaches seines Ministergehaltes bekommen hätte, wurde mir klar, dass die SPD bald auch Karrieristen keine Gewähr mehr für Aufstieg bieten wird. Sogenannte Parteibuchkarrieren in Ministerien, Verbänden, semistaatlichen Organisationen wie Bahn, Post, Stadtwerken, Polizei werden immer seltener, logisch bei einer Partei, die demnächst unter die 5 Prozent Hürde abkackt. Also treten Karrieristinnen zukünftig lieber in die AfD ein. Die SPD wird auch um Entlassungen im hauptamtlichen Apparat nicht umhin kommen, ihr ganzes organisatorisches Vorfeld, wie die AWO, eine SPD Bastion, und diverse NGOs (in dem Geschäft kenne ich mich aus, ich arbeite für eine) kommt ins Rutschen, der finale Zerfallsprozess der SPD wird einer Lawine gleichen. Eine bürgerliche Tragödie und das meine ich ohne Häme, denn die Alternative – nicht nur „… für Deutschland“ – ist weiterer Schritt zu mehr Barbarei.
Was den Fußball angeht, frug mich unlängst jemand, die ihn aktuell zu Recht zum Kotzen findet, sich aber nicht so wie ich auskennt: „Wäre es nicht eine Lösung, wenn die, die noch An- und Verstand besitzen, die Stadien und Fußball-Kneipen boykottieren und auch im TV nichts in der Richtung gucken? Würde diese Attacke auf sein Geschäftsmodell ihn nicht back to the roots bringen?“ Ich machte Jemand die Situation an einem Gleichnis deutlich, ich bin biblisch geschult:
„Denn siehe, spricht der Herr (also ich), das ist so, als würde man an SUV-Trottel appellieren, angesichts der sich anbahnenden Klimakatastrophe auf den ÖPNV umzusteigen. Denn wahrlich, wahrlich, ich sage Euch, eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als dass im Fußball oder in einem SUV An- und Verstand vorkommen.“
Wir lachten. Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch und so freute mich über eine Schlagzeile uneingeschränkt, nach der die EU rigoros gegen Mikroplastik vorgehen will. Dabei geraten auch Kunstrasenplätze in den Fokus. Viele deutsche Fussball-Amateurklubs fürchten um ihre Existenz. Das wäre ein folgenreicher Angriff auf das Geschäftsmodell, denn dann bräche die Basis weg. Morgen werde ich eine Open Petition in Gang setzen: „Weg mit dem Mikroplastik – überall!“
Aber was wäre, wenn es SPD und Fußball nicht mehr gäbe? Die SPD wird durch die AfD ersetzt, so weit, so gruselig. Aber der Fußball, der ja auch eine Triebabfuhr-Funktion unter kontrollierten Bedingungen besitzt, was Gewalt, Aggression, Emotion angeht, durch was würde der ersetzt? Die Hooligan-Horden, die im Fußball-Kontext noch einigermaßen auf dem Schirm der staatlichen Repression sind, wo gehen die dann hin? Was die machen Millionen armer Seelen mit ihrem inhaltsarmen Leben zwischen Familie, Job und Eigenheim, wenn man ihnen das Stadion, das TV, die Kneipe nimmt? Wo und wie lassen Rassisten wie Schalke-Tönnies ihre Wut- und Hassgeschwängerten Ressentiments sonst ab?
Panem et circensis, das Jahrtausende alte Spiel.
Aber das, liebe Leserinnen, sind zugegeben Problemchen, die nur deshalb ihre wertvolle Zeit gestohlen haben, weil ich gerade mal wieder aus Arbeit in das Schreiben flüchte: Vom Job in den Blog.
Sonniges Wochenende.

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