14.08.2019 – Schlucken oder Spucken?


Muntaner Wermut, der einzige mallorquinische Wermut. „Der Wermut gegen Schwermut! Unser absoluter Favorit – er hat das Zeug, den Wermut wieder populär zu machen!“ (aus: 3. Ausgabe SCHLUCK, das anstößige Weinmagazin) Das ist leider eingetreten, denn am Wochenende stand im hiesigen Zentralorgan für Tranfunzeln, der HAZ, die Einschätzung, dass Wermut „in“ sei. Das Trüffelschweinpotential der HAZ liegt ungefähr auf dem Niveau von „Das Internet ist der aktuelle heiße Scheiss“, es liegt also unter Null. Und wenn in der HAZ (=Hannoversche Allgemeine Zerebrallähmung) steht, dass Wermut angesagt ist, gibt es diesen wundervollen Tropfen wahrscheinlich schon seit Äonen an jeder Pommes Bude statt Oettinger-Pils .
Ich bedauere das ein wenig, nimmt es meiner Leidenschaft für Wermut doch jenen Hauch von Exclusivität, derer es bedarf, um sich postkonsumistischer Dandy zu nennen. Postkonsumistisch insofern, als die Anschaffung eines excellenten Wermuts keine exorbitante Ausgabe sein muss, im Gegensatz zum von mir ebenfalls hochgeschätzten Portwein, wo Jahrgangs-Ports schnell mal in die Hunderte Euronen gehen können. Ein Glas Wermut, als Aperitif z. B. am heimischen Grill, kostet ca. einen Euro, was im Vergleich zu dem Wein-Mist, den man mitunter sogar in renommierten Restaurants für ein Mehrfaches vorgesetzt kriegt, geschenkt ist.
Die Begeisterung für Wermut wurde bei mir vor ein paar Jahren auf Mallorca geweckt und nachdem ich eine profunde Reise durch die Welt des Wermuts absolviert hatte, steht für mich fest: die Krone gebührt Muntaner. Um es im lebhaft süßen Sprachtänzeln des Sommelier-Blabla zu sagen:
„Seinen frischen Schliff erhält er durch die Beigabe von süßen Orangen- und Zitronenschalen. Er tänzelt lebhaft süß auf der Zungenspitze, zeigt sich am Gaumen spritzig fruchtig und endet in einem sanften, erfrischend bitteren Abgang.“!
Zusammen mit einem Monkey 47 Gin ergibt der Muntaner einen perfekten Martini, geschüttelt, nicht gerührt. So wollte ihn James Bond, der allerdings ein veritabler Banause war. Er verwendete für seinen Martini einen Lillet statt eines Wermuts und das ist ein absolutes No-Go. Da werden Grenzen überschritten! Es gibt einfach Regeln, an die sich ein Gentleman zu halten hat und wer einen Lillet für den Martini nimmt, bleibt trotz Smoking ein Prolet. Und lassen Sie um Himmels Willen die Olive weg, die in jedem Martini Rezept steht. Oliven sind in Salzlake eingelegt und wer einen Cocktail aus guten Zutaten mit Salzlake verschandelt, der klebt der Venus von Milo auch Arme an. Eine weitere ins Niederträchtige lappende Unsitte sind für mich auch diese affigen Martini-Cocktailgläser, die auf jedem diesbezüglichen Buchcover abgebildet sind, weil die Kreativabteilung mal wieder bekifft unter dem Mac lag bei der Gestaltung und ihr nichts einfiel. Aus diesen Gläsern weichen in Nanosekundenbruchteilen vollständig sowohl Aroma als auch Kälte des Drinks. Was für ein Verfall von Sitte, Stil und Niveau!

Hier nehmen wir natürlich die offiziellen I.N.A.O Degustationsgläser. Ist denn das so schwierig… ?! Ich habe mitunter das Gefühl, die Welt ist eine Konstruktion, eigens geschaffen, mich jeden Tag in Verzweiflung, Depression, Zorn, Ekel und Raserei zu versetzen.
Wermut ist außerdem ein uraltes Heilmittel und wird aufgrund der antiseptischen, antibakteriellen, krampflösenden und durchblutungsfördernden Wirkung bei Kopfschmerzen, Entzündungen und Menstruationsschmerzen verwendet sowie bei Magenverstimmungen, Verdauungsstörungen, Appetitlosigkeit oder Blähungen. Zusammenfassend können wir sagen:
1. A bottle of Wermut a day keeps the doctor away.
2. Hände weg von inferioren Wermut-Marken wie Cinzano. Kauft Muntaner.
3. Auch bei einer Wermut-Probe gilt die alte Weinverkostungsfrage: Schlucken oder Spucken? Das ist wie vieles im Leben eine Geschmacksfrage und ändert am Wermut nichts.
Prost, liebe Leserinnen.

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