18.08.2019 – Zum Paradies fehlen 30 cm


Trauben auf meiner Veranda.
Das Land, in dem einen die Trauben in den Mund wachsen, ist eine archaische Vorstellung vom Schlaraffenland, einem Paradies ohne Not, ohne Arbeit, mit freier Entfaltung der Bedürfnisse – eine der zahlreichen Ideen über Utopia. In diesem Fall aus einer Zeit, wo Arbeit Plage war, Unterdrückung herrschte und eine einzige Missernte den Tod bedeuten konnte.
Da kommt Mensch schon mal auf solche Gedanken. Immer nur auf den Kniebänken des Aberglaubens rumrutschen ist auf die Dauer nicht so prickelnd, wenn für alles, was in so einem irdischen Jammertal noch ein bisschen Spaß macht, das ewige Höllenfeuer droht. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass alle, die sich auf Erden für mehr Gerechtigkeit einsetzten, was die Not gelindert hätte, gerne schon mal aufs Rad geflochten oder verbrannt wurden.
Bei mir herrscht kein Paradies, kein Schlaraffenland, kein Utopia. Auf meiner Veranda wachsen Trauben, die bereits jetzt vollreif sind (Südlage, sonnendurchglühte Backsteinwand). Ein paar davon hängen auf cirka 150 Zentimeter Höhe. Ich bin über 180 Zentimeter groß, ich muss mich zum Direkt-in-den-Mund-Verzehr also etwas bücken. Da fehlen zum Paradies 30 cm.
Utopien sind nicht nur bei mir auf der Veranda 30 cm fern, sondern grundsätzlich etwas aus der Mode gekommen. Was maximal möglich scheint, ist Fridays for Future. Immerhin soll ja die Generation Greta anfangen, Adorno zu lesen. Für die Ausbildung eines allgemeinen Diskurses über Utopien wäre eine minimale theoretische Fundierung ebenso nicht das Schlechteste wie für das Entstehen einer neuen sozialen Bewegung, meinetwegen Klima…
Solange aber allenthalben in Gleichstellungsbüros, Stadtteilinitiativen, Selbsthilfeblablas über Identität statt über Klasse diskutiert wird, können wir damit warten, bis die SPD den nächsten Bundeskanzler stellt. Da der Begriff „Utopie“ in sich den Kern der Realität trägt, anders als der Begriff „Vision“, der eher was mit kiffen zu tun hat, ist die Wirklichkeit des Alltags mit entscheidend als Lackmustest für den Stand der Hoffnung. Und da sieht es ganz schlecht aus, folgt frau jedenfalls der Antwort von einem, der es wissen muss, nämlich von mir, auf die Frage des geschätzten Dr. Carlson vom web-Radio Flora in einem Interview anlässlich einer Aktion der Landesarmutskonferenz zur wachsenden Wohnungsnot.

Aktion Hannover City, Landesarmutskonferenz „Dorf der Alternativen“, 16.08.2019, siehe auch NDR .
Dr. Carlson frug zum Schluss, wie ich denn die Chancen zur Umsetzung unserer Forderungen einschätze, u. a. brauchen wir allein in Niedersachsen 100.000 zusätzliche Sozialwohnungen und natürlich eine gemeinnützige Landeswohnungsbaugesellschaft (Details hier PM Landesarmutskonferenz Aktion Wohnungsnot – Dorf der Alternativen). Ich habe selber jahrelang eine eigene Sendung bei Radio Flora gemacht, kenne den Interviewer seit Jahren, was soll ich da groß rumeiern. Ich beschloss das Interview mit einem Wort:
„Schlecht“.
Ich wünsche allen einen sonnigen Start in die Woche.
What’s left? Das Foto der Inschrift zum Gedenken an den auf der Strasse gestorbenen Jürgen Bauer, die Aktivistinnen bei mir umme Ecke angebracht haben

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