07.11.2019 – Wirsing trägt keine Früchte


Mein Graffiti des Tages. Wirsing trägt keine Früchte, eine luzide Botschaft, klar in der Aussage, voll tiefem Sin, aber ohne Ziel, sie mäandert im Hirn und versetzt die auf Effizienz und funktionale Logik getrimmten Ganglien in freie Schwingungen. Von hier ist es nicht mehr weit zur zentralen Frage aller Existenz, zu der Frage, die Kultur und Zivilisation erst möglich macht und über die das Kind zum Mann reift, zum Weibe auch: „Was soll das?“
Mir erleichterte der Wirsing im Vorbeiradln die Mühsal der Ebene des Alltags, geplagt von Erwerbsarbeit, Kartoffeleinkauf und der Frage: „Bin ich nur dauernd müde oder schon wieder urlaubsreif?“ Und das angesichts der Tatsache, dass mir vom letzten Urlaub immer noch der Sand aus den Schuhen, nein, nicht von Hawaii, sondern Korfu rieselt.
Das Zwischenhoch trug nicht lange. Ich verproviantierte mich für eine Reise in die Heimat meiner Altvorderen, ins Eichsfeld, woselbst ich die erste Sozialraumkonferenz moderieren soll.
Back to the roots, je älter man wird, desto mehr rührt einen die alte Scholle an, obwohl ich zum Begriff Heimat ein äußerst kritisches Verhältnis habe, ist er doch durch die fortschreitende Faschisierung unserer Gesellschaft hochgradig kontaminiert. In dem Moment, wo Heimat exklusiv konnotiert wird, alles Fremde ausschließt (was ist das überhaupt, das Fremde? Ist’s der Dönergeselle an der Ecke? Die schwarze Putzhilfe, die „illegal“ hier ist, und alle guten Stuben blank hält? Oder der Nazi Höcke, dem fremd ist der Gedanke an Aufklärung, Emanzipation? Ich denke letzterer, also raus damit. Aber wohin?), wo Heimat gar blutsbetont wird, ergreift mich Grusel und meine automatische Rechts-Schreibkorrektur interveniert auf: Highmat.
Lange Rede, kurzer Sinn:

beim Bäcker fiel mir das Lügenblatt von heute ins Auge, und der rationale Alltag hatte mich wieder. Das Lügenblatt ist insofern die Krone der Rationalität als es ein Interesse vertritt – das Interesse der Herrschenden, angesichts nahender Krise Sündenböcke zu suchen. Auf die der Rest-Mob dann einprügeln kann, damit er niemals, unter gar keinen Umständen darauf kommt, die Frage nach dem wahren Verantwortlichen von Krisen zu stellen: Dem Kapital.
Man muss nicht den Wirtschaftsteil lesen oder in eine Glaskugel gucken, was aufs Gleiche rausläuft. Um zu wissen, ob wieder Krise ist, muss man nur die Titelseite des Lügenblatts anschauen. Von Lesen kann hier keine Rede sein. In dem Moment, wo gegen Erwerbslose gehetzt wird, ist wieder Krise.
Ich aber beschloss, nein, nicht Politiker zu werden, sondern den nächsten Urlaub zu planen. Ich würde ja gerne sagen: Es wird mir zu bunt hier. Leider ist das Gegenteil der Fall.
Es wird zu braun. Schönen Resttag, liebe Leserinnen.

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