12.11.2019 – Schule der Sinnlichkeit


Basilikum. Morgens schreite ich fürbass durch den Garten und nehme Geruch auf, reibe am Basilikum, am Salbei, Rosmarin und Rest-Lavendel und schnuppere dran. In Winternahen Zeiten, wo der Körper zusehends verhüllt, das Licht weniger wird, die Sinne nicht mehr so angesprochen werden wie im überbordenden Sommer oder mediterranem Süden, sind diese Geruchswahrnehmungen nicht nur meditative Momente sondern eine Schulung der Sinne, der Sinn-lichkeit. Das trainiert das Vermögen zur Unterscheidung, Ästhetik ist immer eine Sache der Differenz, der geschulten Wahrnehmung des Andersartigen. So wie man dem Argument in der Politik, im öffentlichen Diskurs genau zuhören, seinen Augen niemals trauen und einen Wein lange im Mund (wo sonst?) wirken lassen sollte, ist es für eine Schule der Ästhetik zwingend nötig, auch den Geruch zu üben. Wer die Sinne schärft und nicht nur den Verstand, wird im Zweifel den Zumutungen der Moderne, diesem rasenden Veränderungsdruck, gegenüber souveräner, gelassener agieren können und insofern ist die Schule der Ästhetik immer auch politische Bildung. Wenn das Lehrfach an den Schulen würde, bewerbe ich mich sofort fürs Lehramt. Ich würde im Grundkurs mit Sauvignons aus verschiedenen Regionen anfangen, Wahrnehmung der Differenz. Leider ist es so, dass die neuseeländischen Sauvignons überragend sind, da kann kein Loire und kein Pfälzer mithalten. Was wegen Öko-Bilanz blöd ist, Transport und so. Und schon sind wir mitten in der Ökologie Schulung, eins hängt eben mit dem anderen zusammen.
Dann gibt es noch den Tastsinn, er hat in unserer Wahrnehmung den geringsten Stellenwert, obwohl er als erster entsteht und als Basis das größte Organ besitzt, die Haut. Nichtsdestotrotz sollte auch er geschult werden. Mit den ersten Lektionen dazu fangen wir morgen an. Dazu bringt jede von Zuhause eine Kröte und eine Bisamratte mit.
Den sechsten Sinn dagegen können Sie vergessen, paranormales Gedöns. Ich versuche z. B. seit Jahren die Lottozahlen der nächsten Ziehung zu antizipieren. Den Dreier von vor vier Wochen würde ich nicht als durchschlagenden Erfolg bezeichnen. Dann lieber Verstand schulen. Der hat mir auf Korfu zu einem zauberhaften Stranderlebnis verholfen. Auf einer Wanderung kam ich an einem abgesperrten Weg zu einer Bucht vorbei, Saisonende eben. Mein messerscharfer Verstand sagte mir: Da können keine Autos mehr zum Strand durch, das sind 10 Minuten zu Fuß, macht keine Sau, also wird es übersichtlich da sein. Und zwängte mich am Gitter vorbei, strandabwärts.

Es war leer, niemand, keine Menschenseele, ein wundervoller Nachmittag, dank eines messerscharfen, geschulten Verstandes.

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