30.11.2019 – Bin ich ein linker Spießer?


Der rote Stern über dieser Weihnachtspyramide steht nicht, wie man wegen „H&M“ glauben könnte, wenn man glauben wollte, für den Heiligen Melchior, einen der drei Mohren, so habe ich es zumindest im Kommunionunterricht gelernt, aus dem Morgenlande, sondern natürlich für die Modekette H & M, Paradebeispiel für katastrophale Produktionsbedingungen in Billiglohnländern und Ausbeutung der einheimischen Arbeitskräfte. Solche säkularen Einrichtungen haben in der Funktion des Konsums als Religionsersatz nicht nur den „heiligen“ drei Königen, sondern allen anderen Sinnstiftenden Institutionen und Ideologien unserer Gesellschaft den Rang abgelaufen.
Gestern am Black Friday pilgerten 250.000 Gläubige der Religion Konsum in die hannöversche City, um dort den sakralen Ritualen ihres Wahns, also ihrer Religion, zu frönen. 7.000 Demonstrant*innen, also knapp 3 Prozent von 250.000, folgten am gleichen Tag dem Gedanken von Friday for Future, um das Klima zu retten. Soviel zum gesellschaftlichen Maßverhältnis und ich möchte nicht wissen, wie viele der Religionsfanatiker, die mit ihrem Goldenen Kalb, dem Auto, zum „shoppen“, ein dem Abendmahl vergleichbarer Akt, unterwegs waren, die Demonstrantinnen mit Hass und Mordphantasien bedacht haben, weil sie ihnen für fünf Minuten die „Freie Fahrt für Freie Bürger“ nahmen.
Das alles ist so offensichtlich irrsinnig, verrückt, pathologisch und bar jeder Morgenröte von Hoffnung am Horizont der Geschichte, dass ich wenig Gedanken auf die Rettung der Welt, des Klimas, der Menschheit (auf die schon gar nicht!) verschwende.
Lohnenswerter scheint mir genaueres Hingucken, um scheinbar Offensichtliches zu hinterfragen. Einige Zeit war zentrales Medienthema die Flugscham. Sich des Fliegens zu schämen wurde im liberalen Mainstream allgemein begrüßt als ein Hebel zur Klimaverbesserung. Das Pendel scheint mir in letzter Zeit zurück zu schwingen. Vermehrt, ist davon die Rede, dass flächendeckendes Reisen, Fliegen, ja auch seine positiven Seiten habe, eine demokratische Errungenschaft sei und die vermehrte Kenntnis fremder Länder Sitten und Gebräuche signifikant zur Völkerverständigung beitrage.
Wer wollte solch hehrem Diktum widersprechen. Reisen, hier als Fliegen gemeint, ist wie Kultur ein zentrales Bildungsmoment des aufgeklärten Citoyens. Es erweitert den Horizont, verschafft Kompetenzen, Kenntnisse, Emotionen, verändert Sichtweisen. Wer nicht reist, wird von substantiellen Momenten lebendigen Lebens abgeschnitten und ist ein armer Tropf. Junge Menschen z. B., die Auslandsaufenthalte in einem israelischen Kibbuz oder einer portugiesischen Landkooperative hinter sich hatten, dürften gegen das Gift des Nationalismus und Faschismus relativ immun sein, was die Lektüre von 50 Büchern ersetzt.
Also eine feine Sache, dieses fliegende Reisen.
Aber wenn das alles so ist, wieso haben wir dann in einem Zeitalter, in dem noch nie so viele Menschen so viel und so weit reisen konnten, ein in der Nachkriegszeit nie gekanntes Ausmaß, nicht nur in Europa, an Nationalismus und Faschismus? Liegt es daran, dass ein erheblicher Teil der Reisenden sich im Urlaub in All-Inclusive Bunkern verschanzt und jeden Eingeborenen bis hin zur Kellnerin als natürlichen Feind betrachtet? Und dass die entpolitisierten Jugendkohorten der letzten Jahre flächendeckend nach Schule und Studium wie Heuschreckenschwärme im Ausland einfallen, nach dem Motto: Barcelona oder Berlin? Hauptsache Party!
Wird die Generation St. Greta diejenige einer Repolitisierung, die Kritik nicht als Sterneverteilen bei TripAdvisor für coole Locations begreift, sondern als Mittel zur Emanzipation?
Abwarten und Portwein trinken, diese Frage beantwortet sich, wenn diese Generation die magische Grenze der „30“ erreicht, wo so viele gläserne Decken warten….
Eins ist tröstlich: Schlimmer als ihre Vorgänger-Generationen können sie nicht werden.
Ich sei ein linker Spießer, höre ich da? Tja. Schon wieder so eine Frage.

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