26.12.2019 – Weihnachtsgeld


Verlassenes Dorf im Westen von Korfu. Die Bewohner*innen haben es eines Tages verlassen, um ihren Kindern im neuen Dorf hügelabwärts einen besseren Schulweg zu ermöglichen und an die Infrastruktur angebunden zu werden. Wenn ich durch das alte Dorf wandere, mache ich immer eine Stunde Rast unter einem riesigen, jahrhundertealten Olivenbaum. Schönes Training dafür, wie gut man es aushält, nur noch auf den eigenen Atem und Herzschlag reduziert zu sein.
Gedanken an eine Jahresendprämie oder an Weihnachtsgeld sind da sehr, sehr weit weg.
Nichtsdestotrotz existiert sowas. Beschäftigte in der Versicherungsbranche erhalten z. b. durchaus am Jahresende ein 13. und 14. Monatsgehalt. Martin Winterkorns legendäre 17 Millionen Jahresgehalt speisten sich auch durch eine Erfolgsbeteiligung am Jahresende in Höhe von ca. 6 – 8 Millionen Euro. Die Geschwister Stefan Quandt und Susanne Klatten erhalten als Teil-Jahresendprämie 1 Milliarde Euro, Dividende, nur von BMW. Jedes Jahr, dazu kommen noch Dividenden von anderen Beteiligungen. Klassisches leistungsloses Einkommen, was dem Grundsatz unserer angeblichen „Leistungs“gesellschaft, die in realiter lediglich eine Erfolgsgesllschaft ist, diametral entgegensteht.
Das hatte der selige Guido Westerwelle natürlich nicht im Sinn, als er von „spätrömischer Dekadenz“ sprach. Damit meinte er vielmehr Menschen, die Hartz-IV beziehen, und natürlich keinen Cent Weihnachtsgeld erhalten. Was ich allein angesichts der Tatsache, dass Hartz-IV-Bezieher*innen jederzeit als Sündenböcke herhalten müssen (wenn nicht gerade Ausländer*innen dafür herhalten), für ungerecht halte.
Daher begab ich zum Weihnachtsfest auf die Kanzel und verkündete wie folgt:
„An Weihnachten tritt die Spaltung unserer Gesellschaft zwischen Arm und Reich besonders deutlich zutage: Während vor den Edelboutiquen von Louis Vuitton bis Gucci die Besserverdienenden regelrecht Schlange stehen, können sich Hartz-IV und Grundsicherungs-Bezieher*innen häufig weder Tannenbaum noch Geschenke oder gutes Essen leisten. Am schlimmsten sind Kinder betroffen.
Die Landesarmutskonferenz LAK Niedersachsen weist daraufhin, dass der materielle Ausschluss gerade an solchen Tagen auch gravierende emotionale Folgen bei den Betroffenen hat. Welche politischen Konsequenzen das hat, sehen wir an den immer tiefer werdenden Gräben in unserer Gesellschaft.“
(Die volle PM hier PM Landesarmutskonferenz zu Weihnachten)
Ich forderte unter anderem die Einführung einer Einmalzahlung von zehn Prozent des Hartz-IV-Regelsatzes zu Weihnachten.
Leider hat die Einschätzung des verblichenen Kenners antiker Dekadenz, Guido Westerwelle, was leistungsloses Einkommen angeht, erheblich mehr Rückhalt im Volke als meine Sicht der Dinge. Und so kam es, wie es des Öfteren kommt: Diverse offensichtlich auch von Langeweile und Einsamkeit gepeinigte Insassen der BRD griffen zum Telefon und müllten mir das Ohr voll.
Hab‘s überlebt. Mehr darüber demnächst in diesem Blog.
Weihnachten ist das Fest des Friedens und so will ich will nicht enden ohne einen weihnachtlichen Friedens-Gruß:
Frieden den Hütten, Krieg den Palästen.

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