31.12.2019 – Ich bin von lauter Flaschen umgeben


Madeira 1997. Feiertage sollen, folgt man den handelsüblichen Wünschen, fröhlich, schön oder auch besinnlich sein. Welche Sinne da besonnen werden sollen, wird nicht näher ausgeführt. Ich bin zum Jahresende gerne auf Bacchus Spuren besinnlich, da darf es zur Feier aller Tage, derer noch nicht Abend ist, auch mal was Besonderes sein, wie ein 97er Madeira.

Funkelnde, rubinrote Reflexe in der tieffliegenden Mittagssonne. Eine konzentrierte Aromenfülle von üppiger Süße. Aber jeder nur einen winzigen Schlock. Genuss halt, Schule der Sinne und ästhetische Bildung. Nix zum Saufen.
Früher war Silvester immer verbunden mit Zechgelagen und zu den Mannbarkeit-Initiationsritualen gehörte dann bei manchen schlichteren Gemütern das Prahlen mit Alkoholmengen, wie viel man gestern getrunken habe und letzte Woche erst und überhaupt wisse man mitunter gar nicht, wie nach Hause etc. pp. (Siehe auch Männer Schwanzvergleich und PS-Protzerei).
Sowas versendet sich normalerweise Ende Zwanzig, dann gabeln sich die Kohorten in hie Gewohnheitstrinker und da Genusstrinker. Die Gewohnheitstrinker werden Alkis und prahlen eventuell bei absterbenden Hirnzellen weiter. Was sich aber Ende Fünfzig spätestens versendet, in Folge Säuferleber und Exitus. Die Genusstrinker prahlen dann mit ihrer Kennerschaft, dass sie neulich einen unglaublichen Schluck (die reduzierte Alkoholmenge ist hier unbedingtes Distinktionsmerkmal…) eines 97er Madeira zu sich genommen haben, mit einer konzentrierten Aromenfülle blablabla …
Dann gibt es noch, und es werden wohl immer mehr und sie werden gehäuft zu Silvester und ähnlichen Alk-Anlässen auf den Altar den Medien gehievt, die Garnicht-Trinker, die das mittlerweile offensiv auf riesigen Alkfreien Partys inszenieren.
Ich will Alkoholismus nicht kleinreden. Die Folgen dieser Krankheit sind elend, qualvoll und wenn man Pech hat, auch noch langwierig. Ich bin für Werbeverbot, Aufklärung, offensives Ansprechen des Problems, wenn man sowas im Umfeld erlebt etc pp. Aber dieses Zelebrieren der neuen Religion Körperertüchtigung, immer fit, fromm, fröhlich, frei, Null Adrenalin, kein Kontrollverlust, kein Rausch, kein garnix, riecht mir verdammt oft nach Selbstoptimierung, um bedingungslos und allzeit gestählt der Maschine Kapitalismus und dem Arbeitsmarkt sich auszuliefern.
Alkoholismus und Drogen sind eine Form der Abwehr gegen die Ängste, die die Überforderungen der Moderne und des Kapitalismus mit sich bringen.
Die neue Religion der Rauschfreiheit ist die bedingungslose, vorauseilende Kapitulation davor.
Von der Körperertüchtigung zur Wehrertüchtigung ist es mitunter nur ein kleiner Schritt, gerne auch ein Tango-Schritt.
Von daher, liebe Leserinnen, wünsche ich Ihnen für 2020 ab und zu rauschhaften Kontrollverlust – nach Ihrer Wahl. Und ein spannendes neues Jahr.
Prost.

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