02.01.2020 – Ich bin von lauter Flaschen umgeben – Teil 2


Eau de Toilette Probefläschchen von Fragonard. Seit einem Besuch der Fragonard-Produktionsstätte in Grasse schätze ich deren Düfte, sie sind dezent, natürlich und konzentriert. Nicht so eine Massenware wie Armani oder ähnliches Prollzeug.
Sinne lassen nach, sind unterschiedlich ausgeprägt, mein Geruchssinn z. B. ist nicht der Beste. Was im Sommer da, wo sich ungewaschene Menschenklumpen bilden, ein Segen ist, bei einer Weinprobe allerdings ein Nachteil. Sinnlichkeit lässt sich aber schulen, kann geübt werden. Und so unterwerfe ich mich ab und zu einer Blindverduftung, was das Parfüm-Gegenstück zu einer Wein-Blindverkostung ist. Wenn Sie, liebe Freundinnen der guten Gerüche, diesen Begriff noch nie gehört haben, ist das kein Grund zum Googeln, ich hab ihn gerade erfunden.
Dabei werden die Gerüche einem Wohlgefallens-Ranking unterworfen, entsprechend nummeriert, und das Procedere ein paar Wochen später wiederholt, natürlich doppelblind. Beruhigend, wenn dann die gleiche Reihenfolge rauskommt.
Schulung der Sinne, ästhetische Bildung, das Lernen von Unterschieden in Geschmack, Geruch, fremden Kulturen, ist auch politische Bildung, das kann gar nicht oft genug betont werden. Sie bildet eine Grundlage für ein Wesensmerkmal des aufgeklärten Kosmopoliten: Die Wahrnehmung und Wertschätzung von Differenz. Jeder Mensch ist in seiner Gleichheit anders. Wer das kapiert, kann kein Nazi werden. Reisen, Weinproben und Blindverduftungen sind also im weitesten Sinn Akte der Aufklärung.
Das hilft auch im neujährlichen Alltag. In Hannover an der nächsten Messstation bei mir umme Ecke war 24 Stunden nach dem Feuerwerk noch eine Feinstaubbelastung von 218 µg/m3 . Der Luftqualitätsindex hört mit der schlechtesten Bewertung 6 für sehr schlecht mit dem Grenzwert > 100 µg/m3 auf, darüber wird nicht weiter differenziert. (Es geht natürlich immer um Jahresmittelwerte für eine valide Bewertung, aber die Existenz von Maxima lässt zumindest Rückschlüsse auf die Mittelwerte und Gefährdungsschwellen zu). In meiner Straße steht keine Luftmessstation, sie ist die dreckigste und lauteste des Universums, für ihre Messstationen müssten vermutlich andere Skalen mit neuen Zehnerpotenzen eingeführt werden. Beruhigend allerdings die Tatsache, dass es woanders schlimmer geht. In meiner Berliner Homebase von 2018, der Yorkstrasse, bretterten täglich doppelt so viele Autos durch. Wir sehen also: Reisen erweitert den Horizont. Und beruhigt. (Wobei die Yorkstrasse viermal so breit ist und auf dem Mittelstreifen hohe Bäume stehen. Seufz.)
Ich mach jetzt Schluss, muss Wohnung lüften…
Heiteres Restjahr, liebe Leserinnen.

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