05.01.2020 – Ich steigerte also das Nichts in neue Größen


Nichts, verschiedene Größen.
Zu behaupten, ich hätte zwischen den Jahren Nichts gemacht, wäre mein persönlicher Euphemismus des Jahrzehnts, meinen Zustand mit Faulheit zu beschreiben eine freche Untertreibung und meinen Aktionsradius mit „gleich oder kleiner Null“ zu definieren, eine mathematische Falschaussage, er bewegte sich weit unterhalb dessen. Einzige nennenswerte Aktivität, die ich an den Tag legte, war Stoffwechsel und selbst den hätte ich eingestellt, wenn das noch ein paar Tage länger gedauert hätte. Mir war durchaus angenehm dabei, die Arbeit ward getan und sie ward gut getan, kein Termin drängte, oder dräute gar am Gefühlshorizont. Das Jahr war überaus gelungen in jeder Beziehung und nicht eine Sekunde hatte mich in faden Momenten das nagende Gefühl befallen, dass draußen an mir das Leben vorbeirauschen würde und meine Zukunft vom Horror vacui einer ungelebten Existenz gepeinigt würde. Alles war bunt gewesen, wie eine Wundertüte.
Da wird ja man wohl mal einen Gang zurückschalten dürfen. Ruhe ist nicht die erste Bürgerpflicht, sondern die Tugend des Revolutionärs vor dem Sturm auf die Barrikaden. Ich steigerte also das Nichts in neue Größen und fühlte mich wohl, es stand mir zu und ich stand dazu.
Siehe aber, am siebten Tag geschah es, dass ich ein Glas köstlichen selbstgemachten Johannisbärgelee aus dem Keller holen musste und eine freudige Erregung in mir registrierte.
Ich spürte dem in mir nach. Und es handelte sich unleugbar um das fröhliche Gefühl, das sich einstellt, wenn man etwas sinnvolles vollbringt. Da hatte er mich also wieder, der Sinn, ein dubioser Cocktail aus Effizienz, Arbeit und Nützlichkeit. Wäre das hier kein Blog sondern ein Vlog, würde ich diese Szene mit dem Intro „Sonnenaufgang“ von Strauss‘ „Also sprach Zarathustra“ unterlegen.
Der Wert einer Handlung oder Nicht-Handlung bemisst sich in unserer Gesellschaft nach ihrer Nützlichkeit. Damit sind wir wieder mitten im Kapitalismus, mehr zu dessen Filosofie hier: Utilitarismus.
Ich habe Zeit meines Lebens ein gesundes Misstrauen gegenüber Erwerbsarbeit gehegt. Sie ist ein notwendiges Übel, wenn man sich bestimmte Dinge leisten will, und nur in sehr seltenen Fällen (ca. 5 – 10 Prozent) vermittelt sie das Gefühl von Sinn. Nicht sie ist Wesenskern des Kapitalismus, sondern der Profit. Das mit der Erwerbsarbeit wird uns nur von Kindsbeinen an eingebimst, damit das mit dem Profit funktioniert. Die Marxsche Mehrwerttheorie bringt der Volksmund auf den Punkt:
Die Dummen leben von der Arbeit und die Schlauen von den Dummen.
Aber selbst ich, der ich eine gesunde Abneigung von Kindesbeinen an gegen Nützlichkeit, Effizienz, Arbeit habe (die theoretische Grundierung kam später erst mit dem überaus sympathischen Schwiegersohn von Marx, Paul Lafargue, in mein Hirn) , bin derart mit dieser Ideologie vollgesogen, hinter meinem Rücken quasi, dass ich nach 7 Tagen schon nach Sinn lechze.
Jetzt suche ich nach Un-Sinn. Aber das muss möglichst effizient funktionieren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.