12.01.2020 – Prozyklisch und antizyklisch


Lenzrose. Frisch erblüht im Winter. Antizyklisches Verhalten der Natur.
Der Begriff des „Antizyklischen“ spielt in der Nationalökonomie eine Rolle (bei mir auch, aber nicht ökonomisch). Staatliche Ausgaben zu senken in einer sich anbahnenden Wirtschaftskrise ist prozyklisch und verschärft die Krise nur. Antizyklisch und wirksamer wäre es, Ausgaben zu erhöhen, für Konjunkturprogramme zum Beispiel, Investitionen in Infrastruktur, Bildung, Gesundheit etc., das sorgt für Beschäftigung und Wirtschaftswachstum. Prozyklisch hat sich Reichskanzler Brüning in der Wirtschaftskrise der 30er verhalten. Das endete im Faschismus.
Im Privatbereich wäre prozyklisches Verhalten zum Beispiel sich tätowieren zu lassen, oder sich einen SUV zu kaufen. Machen ja alle. Nach vorherrschendem Verhalten liegt offensichtlich der höchste Grad der Individualität im widerspruchsfreien Aufgehen in der Masse.
Antizyklisches Verhalten wäre zum Beispiel sich in einer Gewerkschaft zu organisieren und engagieren. Macht keiner mehr. Die „Jugend“ läuft eher zu „Friday für Future“. Das wird sich aber auch bald erledigen. Beachten Sie bitte nicht das Geschnatter in den Feuilletons, sondern die ständig steigenden Umsatzzahlen der SUVs und die Zuwachsraten der Flüge. Wenn Jugendliche die unsichtbare Decke der „30“ erreichen, werden die alle vernünftig. Dann gründen sie Fammilljen, kaufen SUVs, fliegen zweimal pro Jahr auf die Malediven und forcieren die Klimakatastrophe mit dem schlimmsten aller Übel: Sie ziehen Brut auf. Sie werden normal. Prozyklisch.

DGB Neujahrsempfang 2020, Hannover. Lauter weiße, alte Männer.
Nicht nur mein Job sondern auch meine Neigung bringt es mit sich, dass ich seit Jahrhunderten dort abhänge, obwohl Getränke und Büffet so unterirdisch sind, dass einem jedes Schwein leid tut, das dafür geschlachtet wurde. Der „Vortrag“ sollte „kurzweilig“ sein, laut Ankündigung. Eine Lesung meines Einkaufszettels hätte da mehr Wirkung gezeigt. Gefühlte 105 Prozent der Anwesenden waren weiße alte Männer. Ich fuhr mit dem Rad hin, es war dunkel, kalt und nieselte. Das sind Tage, an denen wird aus Weicheiern Kruppstahl geschmiedet.
Seit Anfang der Neunziger haben sich die Mitgliedszahlen der Gewerkschaften fast halbiert und was schlimmer ist: Die Struktur ist völlig überaltert. Bis zu 40 Prozent sind Rentner*innen.
Bei Nachwachsenden herrscht eine fundamentale Unkenntnis grundlegender Tatsachen unseres gesellschaftlichen Lebens, Beispiel Arbeitsmarkt: Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, 30 Tage Urlaub, Lohnsteigerungen, Weihnachtsgeld etc. pp, das alles ist nicht vom Himmel gefallen. Es steht auch nirgendwo in einem Gesetz (Urlaubsanspruch laut Gesetz beträgt 18 Tage). Das wurde von Gewerkschaften in teils monatelangen Streiks erkämpft.
Da werden sich viele noch wundern, wenn in den nächsten Krisen viele soziale Fortschritte wieder eingesammelt werden. So was fällt eben nicht wie Manna vom Himmel.
In Hannover findet zurzeit ein Muster an Arbeitskampf statt, bei der Gildebrauerei. Um den Streikenden für gleichen Lohn bei gleicher Arbeit das Genick zu brechen, hat der Arbeitgeber Gilde in vier Einzelfirmen aufgespalten, um so die Existenz von Betriebsräten auszuhebeln. Dieses Vorgehen wird bundesweit beobachtet und wenn der Streik gebrochen wird, werden die Arbeitgeber ihre Schlüsse daraus ziehen…
Was mich persönlich mit Ennui erfüllt, wenn die ganze Herde prozyklisch immer nur in die gleiche Richtung trottet: Es ist so unoriginell.
Grundlage von authentischer Individualität und Originalität ist antizyklisches Verhalten.
Der Rest ist Mainstream, von Helen Fischer bis Bruce Springsteen.

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