08.05.2020 – Heute bin ich das erste Mal sauer auf das Virus


Letzten Winter, irgendwo am Meer.
Heute bin ich das erste Mal sauer auf das Virus, eine alberne und auch nur kurze Reaktion. Wie kann man auf eine bewusstseinslose Ansammlung von DNA oder RNA sauer sein, deren einzige Bestimmung Vermehrung ist. Noch nicht mal zum Kacken reicht es bei den Dingern, keinerlei Stoffwechsel. Was für eine naive Betrachtung des eigenen Körperinnern eine irgendwie beruhigende Vorstellung ist. Ich betrachte das Virus normalerweise nüchtern und mit dem Verstand. Ich schätze sein Bedrohungspotential für mich, meine Umgebung und die Gesellschaft ein, versuche mich entsprechend zu verhalten, vertraue auf die Wissenschaft, was Impfstoff und Therapien angeht, und ein klein bisschen, und das ist eine der ganz wenigen Formulierungen in diesem Blog ever, bei der ich kurz überlegt habe, ob ich sie verwenden soll, sogar auf „unsere“ Politik, die das bisher ganz ordentlich macht. Im Gegensatz z. B. zu England und USA. Besser läuft’s anscheinend zurzeit nur in Griechenland.
Ich bin, was das Virus angeht, entfernt von Zuständen wie Angst, Wut, Hilflosigkeit etc. Emotional gesehen tun mir nur Menschen leid, die durch die Pandemie in existentielle Bedrohungen geworfen sind.
Als ich allerdings mitkriegte, dass die AfD heute in Hannover eine Demo plant, vorgeblich gegen Corona-Beschränkungen, wallte Wut in mir, Empörung quoll den Hals empor.
Real ist das eine faschistische Provokation von Hardcore Nazis. Die Demo sollte heute stattfinden, am Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus, auf dem hiesigen Opernplatz, an dem das Denkmal für die ermordeten Juden liegt. Dagegen hat sich sofort Widerstand geregt. Das läuft in Hannover gut, sowohl auf der Ebene eines breiten bürgerlichen Spektrums inklusive Gewerkschaften, als auch auf der Ebene versprengter Reste radikaler Linker, inklusive der Jugendorganisationen von Gewerkschaften und „linker“ Parteien.
Auch wenn in allen Aufrufen zu den Gegendemos intensiv auf Corona-Prävention insistiert wurde, wäre ich dieses Mal nicht dabei gewesen. Ich halte eine Teilnahme aus Seuchenpräventionsgründen nicht für angemessen, bin allerdings hin- und hergerissen zwischen virologischer und gesellschaftlicher Prävention (aus Gründen der Gesellschaftshygiene müsste die Nazidemo sofort weggekärchert werden und der Platz von Nazi-Aura dekontaminiert). Die Verantwortung für diesen ärgerlichen Widerstreit habe ich natürlich sofort aus Entlastungsgründen dem Virus in die Schuhe geschoben und ich war angepisst. Scheißvirus.
Der Verstand aber ist der tröstende Bruder der Emotionen und daher weiß ich natürlich: Meine Entscheidung, meine Verantwortung.
Zurzeit ist die Nazidemo verboten. Wegen unkontrollierbarer Corona-Verhältnisse. Nicht wegen unerträglicher Verhöhnung der Nazi-Opfer. Aber wer weiß, wie das Verwaltungsgericht heute Vormittag entscheidet.
Skurril: Angemeldet hat die Demo der „Flügel“ der AfD, also die Hardcore-Nazis. Die weichgespülten hiesigen Niedersachsen-Nazis waren dagegen, die wollen mit solchen Provokationen noch warten. Auch bei den Original-Nazis gab es verschiedene Fraktionen. Wie die „Sozialrevolutionäre“ um Strasser oder die SA um Ernst Röhm, die allerding sofort liquidiert wurden, als sie den Anteil der Beute für ihre Arbeiter-Klientel einforderten.
Geeint hat aber alle der Hass und wahnhafte Vernichtungswille gegen alles, was anders ist. Analogien zu heute dürften nicht zufällig sein.
Das ist einer wenigen Tage bisher, an denen ich lieber im Bild oben wäre als hier.
Was soll’s. Muss ja.

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