14.05.2020 – Wenn Sie dieses Video nicht klicken, sterben Sie!


Screenshot vom Video „Armut und Corona“, Teil 1 eines Projektes der Landesarmutskonferenz. Eins von mehreren Projekten, um das Thema Armut in Zeiten der Seuche nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, bei all den Diskussionen um Wirtschaftsförderung für Konzerne und Autoprämien. Die aktuellen Erhöhungen von Lebensmittelpreisen und Energie sind für Arme eine akute Bedrohung und die Politik weigert sich nach wie vor beharrlich, über eine dringend notwendige Erhöhung der Hartz-IV Regelsätze auch nur zu diskutieren. Dazu noch Urteile von Sozialgerichten, die die Verweigerung der Kostenübernahme bei Masken für Hartz-IV-Bezieher*innen durch Jobcenter bestätigen. Alles tolle staatliche Signale an die 4 Millionen Hartz-IV-Bezieher*innen, deren Zahl sich in Folge von Corona vermehren wird wie Pilze nach dem warmen Regen.
Kein Wunder, dass die AfD-Nazis ihre größten Wahlerfolge in sozialen Brennpunkten erzielen, wenn sich Arme zusehends abgehängt fühlen. In sozialen Brennpunkten ist die Wahlbeteiligung um ca. 50 Prozent niedriger ist als in Villenvierteln. FDP – die wählt der Zahnarzt und seine Familie.
Diese Videoreihe soll ein Versuch sein, Öffentlichkeit zum Thema „Armut und Corona“ herzustellen. Daher: Wenn Sie, liebe Leserinnen, dieses Video nicht klicken, sterben Sie. Sie sterben natürlich auch, wenn Sie es klicken. Wir alle sterben früher oder später, insofern war der Header nur ein plumper Versuch nach Aufmerksamkeit zu haschen. Klar ist aber, wenn die Video-Reihe keine nennenswerte Verbreitung findet, wird sie nicht alt.
Der Benchmark für solche Projekte sind im Digitalzeitalter Klicks. So einfach und brutal ist das, jenseits aller Sinnhaftigkeit oder gar allen ästhetischen Mehrwerts. Den das Video hat. Da steckt echte Arbeit drin, allein bevor ich meine eigenen Texte fehlerfrei in die Kamera bringe, braucht es locker vier, fünf Takes für jede Einstellung, die location muss passen, Licht, Ton, Einstellungen, die Dramaturgie muss stimmig sein und am Ende entscheidet der Schnitt.
Genug des Jammerns und Bettelns um Klicks. Widmen wir uns den hochinteressanten Youtube-Beiträgen in der Seitenleiste im Bild oben, die mir auf Grund von Algorithmen auf Basis meines vermeintlichen Internetverhaltens empfohlen werden. Das geht in Richtung „Wie gläsern und nackicht machen wir uns im Netz“. Die beruhigende Nachricht: na ja …
Mir wird da u. a. Schach, 700 PS Autos und Sixpack-building empfohlen. Das ist vollkommen grotesk. Ich hege Null Interesse an diesen Dingen und habe in meinem Leben eher ein sechsstündiges Video über das Liebespiel von Wattwürmern im Netz geguckt als jemals nach diesen Dingen gegoogelt. Wenn das die Macht der Algorithmen ist, kann zumindest ich gut schlafen deswegen.
Was natürlich passt, ist die Arm, Reich, Corona Empfehlung am Anfang der Leiste. Die Clips hab ich mir angeguckt und bin vor Neid erbleicht. Eine ölig-aufdringliche Hackfresse preist da im Guru-Style eines „Chakka“ Motivationstrainers ihre Produkte und Lebensbinsenweisheiten an, mit denen bedauernswerte Existenzen die Verarmung durch Corona vermeiden sollen und im Zweifel natürlich Millionäre werden können, Chakka, du schaffst das, du bist stark, wenn Du es nur willst. Der Kretin hat in Teilen seiner Analyse nicht unrecht, beherrscht das Handwerk der Rhetorik für Schlichthirne. Und hat damit Erfolg. Selbst für das Verbraten hohlster Binsenweisheiten Klickzahlen, die in die Hunderttausende gehen ….
Ja, ich weiß, die Bildzeitung lesen auch Millionen. Trotzdem seufze ich bei sowas schonmal kurz auf – Bevor die Arbeit weiter geht, am Drehplan für das nächste Video.
Bleiben Sie drin, liebe Leserinnen. Chakka!

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