24.05.2020 – Stop making Sense


Fassade des Bürogebäudes „cube“ am Berliner Hauptbahnhof. Die Fassade dieses Quadratgebäudes ist gefaltet, im Frank-Gehry-Style. Das ist also nichts grundstürzend Neues, aber durchaus beeindruckend, und ein angemessenes Entrée für eine Metropole, wenn man aus ihrem Bahnhof tritt. Der Berliner Bahnhof ist ein Solitär, selbst wenn man berücksichtigt, dass er gegenüber seinem ursprünglichen Entwurf um die beiden Enden der Gleise gekappt wurde Was für eine architektonische Sauerei das war, sieht man erst richtig in der Draufsicht und für besonders genial halte ich die Idee, das Umfeld des Bahnhofs zusehends mit meist austauschbaren postmodernen Klötzen zuzustellen, auch nicht. Man nimmt dem Gebäude die Wirkung. Dennoch atmen Freunde des Urbanen durchaus erfreut auf, wenn sie diese Kathedrale der Mobilität betreten. Ich war früher öfters auf Bahnhöfen kleineren Zuschnitts unterwegs und die Trostlosigkeit vollkommen verlassener und vernagelter Bruchbuden auf einem Acker, an einem kalten regnerischen Novembertag, in Erledigung irgendwelcher Erwerbsobliegenheiten, haben mich mitunter auf der Rückreise rätseln lassen, wieso ich mich nicht 5 Minuten nach Ankunft in einer naheliegenden Güllegrube ertränkt hatte, so klaftertief depressiv fiel ich regelmäßig angesichts solcher Orte der Einödnis, der Einsamkeit und der Abwesenheit aller Zivilisation. Es muss das Prinzip Hoffnung gewesen sein, was mich aufrecht hielt.
Hoffnung auf einen besseren Ort, der Utopie. Berlin.
Überaus anregend empfinde ich die Spiegelungen durch die Fassade. Bei einer glatten Fassade würde der Eindruck einer vermeintlich faktischen Widerspiegelung der Außenrealität entstehen. Durch die gefaltete Fassade entsteht ein Zerrbild, gebrochen, fast surreal, mehr Montage von verschiedenen Realitätsebenen als Abbild von nur einer. Insofern ist das Bild, das durch das Gebäude produziert wird, auch Abbild einer Kunstproduktion, die die Moderne begründete. Irgendwann reichte der Naturalismus nicht mehr aus, um die immer komplexer werdende Moderne zu erfassen. Malerei als quasi Fotoersatz ist seit über 100 Jahren obsolet und in der Literatur hat sich die Montagetechnik unter Einbeziehung von Bewusstseinsströmen und Wahrnehmungsfragmenten spätestens seit James Joyce‘ Ulysses oder Döblins „Berlin Alexanderplatz“ (!) durchgesetzt. Krasses Beispiel der Moderne: Der Dadaismus als Dekonstruktion von Sinn und Verstand, als Antwort auf die Verwüstungen des ersten Weltkriegs. Wir tanzten im vorigen Jahrtausend das Motto der Postmoderne „Stop making sense“ zu den heute noch bewegungsanimierenden Talking Heads.
Watch out you might get what you’re after…. So schlimm wird’s schon nicht kommen. Mit solcherlei Gedanken im Kopf durchmaß ich den Bahnhofsvorplatz. Das hielt aber nicht lange vor.

Ein paar Schritte weiter am Reichstag war wieder Atmosphäre pur, ungewöhnliche Ruhe, Menschenleere. An solchen Orten, wo sonst eher Massenaufläufe das Bild prägen, kann man diesen Atmosphärenwandel regelrecht körperlich spüren.
Corona sucks, ohne Zweifel, aber in solchen Bildern liegt ja auch ein Versprechen auf eine andere Zukunft, ein Vorgriff auf eine Wirklichkeit von Morgen. Vielleicht nicht besser, aber anders. A change ist gonna come. Veränderung eben.

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