31.05.2020 – Normal aber ist der Tod auf Raten.


Auf diese Steine können Sie bauen – Bausparkassenwerbung auf Autonom gedreht. Hintergrund des Plakates ist der Prozess am 03.06 um die Räumung eines der letzten besetzten Häuser in Berlin, der Liebigstr. 34.
Nach meiner Wahrnehmung kleben wieder mehr illegale Plakate in der Stadtöffentlichkeit. In kleineren Städten eher Textbleiwüsten, wo man sich die Nase an den Plakaten plattdrücken muss, um überhaupt die Botschaft entziffern zu können. Was auch symbolisch für die Selbstreferentialität der radikalen Restlinken steht, die eher daran interessiert ist, recht zu behalten als ihre Ziele zu realisieren, indem sie z. B. Überzeugungsarbeit leistet. In Berlin sind diese Plakate oft kreativ, professionell, bunt, anregend, egal wie man zur Message steht. Mitunter weiß man nicht, ob es sich um Satire, Politik, Kunst, Kommerz, irrlichternden Wahnsinn oder was auch immer handelt.

Business Lunch. Kommerz oder Satire oder was? (Kommerz, das lokale Bier, nur in Nordberlin erhältlich, gibt’s wirklich).
Manchmal stehe ich grübelnd lange vor einem Produkt und frage mich: Was zum Henker soll das? Das aber ist das Edelste aller Ziele kreativer Produkte: Die Betrachterin ins Grübeln zu versetzen, mit den Mitteln einer Ästhetik, die auf ihre Autonomie insistiert

Hä?
Gesehen an einer meiner Lieblingskneipen, dem „Kapital“ in Neukölln, im immer noch zauberhaften Rixdorf-Kiez. Der allerdings zusehends gentrifiziert wird. Daher gibt es das „Kapital“ auch nicht mehr, es ist mit Brettern verhauen und harrt seiner Umwandlung in eine Loggia, Loft, was auch immer. Kaufpreis sicher jenseits 8000 Euro pro qm.
Das reale Kapital marschiert immer weiter, Corona hin oder her, und hinterlässt hinter sich eine Spur zauberhafter Eigentumswohnungen, horrender Rendite auf das eingesetzte Kapital und eine Spur von Verwüstung. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass in der Nacht vor dem Liebig 34 Prozess es in Berlin wieder heißen wird: Burn, Baby, Burn. (siehe auch Minneapolis etc. pp.) Verwunderlich ist eher, dass es nicht viel mehr Liebigs gibt. Bedauerlich allerdings, dass die Besetzerinnen durch ihr teilweise bescheuertes Verhalten in Sachen individueller Gewalt verhindert haben, dass der für die Liebig zuständige Baustadtrat Florian Schmidt dort die „Berliner Linie“ umsetzen konnte, nach der bestimmte Häuser durch die Stadt angekauft werden und die Mieter*innen so vor Räumung geschützt werden. Aber Hauptsache recht behalten, Mädels, oder?
Was bleibt, ist die Freude an solcherlei Plakaten, unabhängig von der eigenen Überzeugung. Sie sind eine Art inoffizieller, flächendeckender Wandzeitung einer noch existierenden lebendigen Subkultur. Gegenden, wo sie fehlen, sind potentiell pathologisch, nämlich normal.
Normal aber ist der Tod auf Raten.
Fröhliche Pfingsten, liebe Leserinnen.

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