02.06.2020 – Den Lastern entrann ich, aufgefressen wurde ich von den Krähen


In Berlin sind selbst die Krähen militanter als im Rest der Republik. Als ob es nicht reichen würde, sich in permanente Lebensgefahr zu begeben, sobald man in Berlin ein Radl besteigt. Die Situation erinnert mich an das Gedicht von Bert Brecht:
„Den Haien entrann ich.
Die Tiger erlegte ich.
Aufgefressen wurde ich.
Von den Wanzen“.

War es in Berlin schon vor Corona ein Himmelfahrtskommando, eine kleine Rad-Tour von Moabit über Friedrichshain nach Neukölln zu unternehmen, kommt es jetzt einem Selbstmordversuch gleich. Es ist ja schön, wenn die Beschleunigung der Verkehrswende durch Corona als Chance in der Krise beschrieben wird: Das Rad als Sieger im Wettkampf der Mobilitätssysteme. Aber unsere Großstädte sind von der Infrastruktur in keiner Weise auf zusätzliche Massen von Rädern eingerichtet, zumal die Lenker-Lenker teilweise so bescheuert fahren, als ob sie in einem Kamikaze-Bomber sitzen.
Zu Hauptverkehrszeiten stauen sich an den Ampeln endlose Fahrradschlangen, bevor die durch sind und Autos abbiegen können, ist die Ampelphase längst wieder umgesprungen. Kein Wunder, dass alle Naslang eh schon überforderte LKWs beim Rechtsabbiegen irgendeine arme Radlersau plattwalzen. Der Schutzheilige der Radler ist Christopherus, auch der der Autofahrer, in den Kabinen der Stinker hängen Abergläubige wohl immer noch eine Figur dieses Gesellen auf. Meiner Ansicht nach sollte der Griff in die Mottenkiste der Mythologie wesentlich tiefer gehen, was Radler angeht. Ihr Gott muss der aktuellen Situation nach Thanatos sein, der für Todessehnsucht steht. Jede Radtour nicht nur in Berlin gleicht einem Rendezvous mit diesem düsteren Gesellen, dessen Konterpart nicht erst seit Freud ja Eros ist. Was nach überlebter Tour nachvollziehbar wird, wenn einen beim Absteigen eine regelrecht sinnliche Überlebenslust durchströmt: Ich habe überlebt.
Und dann kommen die Krähen…..
Da wird uns, liebe Leserinnen, doch nicht so ein kleines Virus verängstigen. Also packen wir das Leben bei den Hörnern.
(Schräge Metapher; würde bedeuten, dass das Leben ein Ochse ist…)

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