13.06.2020 – Im Grunde meines Herzens bin ich ein 70er Jahre Hippie.


Konzertkarten 2019. Unlängst kam die Sprache auf eines meiner 100 Lieblingsprojekte, Ohrensuppe, das SCHUPPEN 68 Radiomagazin für Satire, Kritik und Absurdes, das auf diversen Bürgerfunkkanälen lief. Mit hochgeschätzten Kolleg*innen produziert, war es ein feines Projekt, dessen Jingle, auch so ein Begriff aus dem Wörterbuch des Vollidioten, die ersten Takte des zauberhaft beschwingten Texmex-Walzers „Saint behind the glass“ der Kapelle Los Lobos war, ein Stück, das mich heute noch zu Tränen rührt. Man möchte auf Walzerflügeln den Engeln entgegentanzen. Oder so ähnlich. Im Nachhinein fiel mir ein, dass ich Los Lobos nie live erlebt habe, was eine subkulturelle Bildungslücke von inkommensurablen Ausmaßen ist.
Und vermutlich nie zu schließen sein wird. Selbst wenn es irgendwann wieder Livekonzerte geben sollte, dann eher ohne mich, es sei denn es gibt einen Corona-Impfstoff. Was in den Sternen steht.
Und im Sinnieren darüber fiel der Blick auf meinen Kühlschrank, an dem Konzertkarten des letzten Jahres kleben. Im Grunde meines Herzens bin ich ein 70er Jahre Hippie, wo in jeder WG an jeder Pinnwand Konzertkarten angenadelt waren: Von Allman Brothers bis Zappa. Meine Karten kleben mittels hochkitschiger Urlaubsmagneten. Also bin ich im Grunde meines Herzens auch ein Spießer. Aber sind wir nicht alle irgendwie ambivalent, polymorph-pervers und multipel?
Fazit dieser Gedanken angesichts eines nahenden Gewitters ist jedenfalls, dass diese Magnet-Karten Zeugnis des Endes einer jahrzehntelangen Tradition sein könnten, nämlich dem Besuch von Live-Konzerten. Was als mögliches pars pro toto in Sachen Corona gelten kann: Der Abschied von einer Gesellschaft, wie wir sie kannten.
Und jetzt kriegen diese dussligen Magnet-Karten von hinten her betrachtet einen tiefen Sinn: Als memento mori, Sei Dir der Vergänglichkeit bewusst. Aber wer will in meinem Alter dauernd an sowas erinnert werden.
Da gräme ich mich lieber über den unverzeihlichen Klops in der PM oben, wo es heisst: „… Ohrensuppe sprengt zu Weihnachten die Grenzen des guten Geschmacks und unterbietet mühelos das Nullniveau. „Gegen uns sind selbst solche Dumpfbacken wie Atze Schröder und Mario Barth noch die Adorno und Horkeimer des Humors“, betonen die Ohrensuppe Köche Klaus-Dieter Gleitze und Hermann Sievers. Die beiden promovierten Blödelbarden haben an der Scherzakademie von Bad Witzenhausen bei Frau Prof. Anne Maria Lachsack-Furzkissen ihre Doktorarbeit über den Witz im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit geschrieben …“
Sehr drollig. Hoch gesprungen. Flach gelandet. Horkheimer ohne „h“, das ist selbst für einen Achtelintellektuellen ein derartiger Gau, dass hier nur Harakiri in Betracht kommt, das rituelle Bauchaufschlitzen des Japaners. Göttinseidank ist die causa verjährt, ist von 2009.
Draußen verfinstert sich der Himmel. Wär’s drinnen, müsste ich mir auch noch Gedanken über den Kosmos machen.
Muss nicht sein.

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