22.06.2020 – Stuttgart und Tönnies


Pop Art, sehr schöne Ausstellung im Berliner Kupferstichkabinett. Sie zeigt neben Druckgrafiken des notorischen Konsum-Hanswurst Andy Warhol und allerlei Kunsthandwerkgedöns auch die kritische Seite der Pop Art mit Arbeiten aus dem „Kapitalistischen Realismus“.
Zum kapitalistischen Realismus heutiger Tage gehören auch die Ausschreitungen des Mobs in Stuttgart. Stuttgart, die verschnarchte Hochburg der sauberen, heilen Welt von Porsche, Mercedes und Kehrwoche, irgendwo hinter den sieben Bergen mit lauter Zwergen wie dem grünen OB Fritz Kuhn und dem ex-Maoisten MP Wilfried Kretschmann? Stuttgart kann überall sein.
Ich will diese Ausschreitungen junger Männer nicht klein reden. Das ist das Potential, aus dem sich früher die SA mobilisierte und das jederzeit wieder abrufbar ist. Wenn es nach mir ginge: Einmal verwarnen und dann Feuer frei. Repression hat auch was Gutes, hängt immer davon ab, gegen wen. Und natürlich ist der Stuttgarter Ober-Polizist ein geschichtsvergessener Dummkopf, wenn er in die Kameras radebrecht, dass das die schlimmsten Gewaltausbrüche seien, die Stuttgart jemals erlebt habe. Ein Blick zurück ins Jahr 1938, in die Reichspogrom-Nacht:
„Mit unvorstellbarem Vandalismus wurden auch in Stuttgart jüdische Geschäfte wie das Kaufhaus Tanne in der Tübinger Straße, das Radiogeschäft Jacobs in der Hauptstätter Straße und das Schuhhaus Speier zerstört und geplündert, Juden nachts aus den Betten geholt, geschlagen, misshandelt und verhaftet, und die Synagogen in Brand gesetzt.“
Das Benzin dazu stellte die Stuttgarter Feuerwehr zur Verfügung.
In der tranigsten Metropole der Republik also Mob und Dummköpfe, alles normal eben.
Der üblere Hooligan allerdings ist in meinen Augen der Schlachter Tönnies, seines Zeichens auch Präsident des Fußballklubs Schalke 05, was ziemlich exakt die ethische Fußball-Fallhöhe beschreibt. Die skandalösen Zustände in den Schlachthöfen der Republik sind bekannt, mit all ihren üblen Konsequenzen wie die Krokodilstränen der jahrelang sich wegduckenden Politiker. Witze über den NRW-Minister-Fleischklops Laumann sind unangemessen, weil sie das Ganze verharmlosen. Wenn sowas Minister werden kann, hab ich das Zeug zum lieben Gott.
Was in den Schlachthöfen durch Kreaturen wie Tönnies exekutiert wird, ist strukturelle Gewalt und schlimmer als individuell sich austobender SA-Mob. Brecht bringt das Prinzip strukturelle Gewalt auf den Punkt, lange bevor dieser Begriff in akademischen und linken Zirkeln der 70er kursierte:
„Es gibt viele Arten zu töten. Man kann einem ein Messer in den Bauch stechen, einem das Brot entziehen, einen von einer Krankheit nicht heilen, einen in eine schlechte Wohnung stecken, einen durch Arbeit zu Tode schinden, einen zum Suizid treiben, einen in den Krieg führen usw. Nur weniges davon ist in unserem Staat verboten.“
Diese Definition hat aber einen Rattenschwanz an ethischen Problemen und Fragen, denen wir, liebe Leserinnen, uns in der nächsten Stunde widmen wollen. Bürgerliche Staatsrechtler und Alk-68er wissen schon, wohin jener Hase hoppelt, der gerne mal linke Haken schlägt…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.