05.07.2020 – Das Goldene Zeitalter der Freiheit


Der Sommer nimmt der Seuche ihren Schrecken, und selbst die größte innerstädtische Bauruine der BRD, das hiesige Ihmezentrum, ist von einer lässig-mediterranen Aura umflort. Aber „Mene Mene Tekel Upharsim“! Für mich verheißt die Leuchtschrift an der Wand der Medien wenig Gutes. Da läuft irgendwas asynchron im Moment, einerseits Lockerungen und Aufhebungen viraler Beschränkungen, andererseits immer mehr berechtigte Hinweise, dass wir nicht wissen, wann, wie, wo von wem mit welchen Wirkungen ein Impfstoff auf den Markt kommt, wie das Virus mutiert, welches das nächste Virus ist, welche Wellen im Herbst auf uns zukommen etc. pp.. Oder wie Werner Enke es auf den Punkt brachte im Klassiker „Zur Sache, Schätzchen“: „S‘ wird böse enden.„
Vielleicht werden wir gerade Zeitzeugen vom Ende des Goldenen Zeitalters der Freiheit. Das hier mehrfach erwähnte Goldene Zeitalter des Kapitalismus, um die 70er herum, liegt schon länger zurück, mit dem Ausbau des Sozialstaates, kräftigen Netto-Lohnzuwächsen und Liberalisierung der Gesellschaft, verbunden mit einer Leidenschaft für Utopien und dem Prinzip Hoffnung. Seit den Achtzigern erleben wir den Siegeszug des Neoliberalismus, verbunden mit dystopischen Visionen und dem Prinzip Angst, in den Köpfen der Millionen Verliererinnen. Beide gesellschaftliche Grundierungen wurden begleitet und überlagert von einer wachsenden Freiheit auf gesellschaftlichen Teilgebieten, nicht für alle, aber für viele: Ausbau des Massentourismus, wachsende massenhafte Kulturangebote, Stichwort „Eventisierung“, die Fetischisierung des „Ich, Ego“ als geltende Norm. All das in vorher nie gekannter Form lieferte ein Scheinversprechen von grenzenloser Freiheit; Schein, weil ja letztlich jeder doch auf sich zurückgeworfen wird, und was gibt’s da schon Erfreuliches zu sehen. Nicht umsonst sind Alkoholismus, Psychopharmaka, Therapien treue Begleiter jeder gesellschaftlichen Veränderung.
Auch wenn diese Freiheit also Ideologie ist, hat sie wie jede wirksame Ideologie reale Kerne und Wirkmacht. Sie ist ja real vorhanden, die Reisefreiheit, wohin man will, bei entsprechendem Geldbeutel, und es gibt ja real das xte Open-Air-Konzert mit Phil Collins und anderen Dinosauriern. Ob und in welcher Form das jemals wiederkehrt, ist offen. Das meine ich mit dem Ende des Goldenen Zeitalters der Freiheit und mir graut davor. Nicht wegen mir, ich kann auf Collins verzichten, sondern weil der Mob durch diese Veränderung bestimmt nicht dem Prinzip Vernunft zugeneigt wird. Was soll’s, am Ende deckt uns alle das kühle Grab.

Wenn der allerdings die Leichen so verbuddelt, wie seine Rechtschreibung ist, gucken bei jeder zweiten Beerdigung noch irgendwelche Extremitäten aus der Erde.

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