29.08.2020 – Verbrecher, die in Berlin marschieren.


Mallorquinischer Wermut auf Eis mit Zitronenverbene. Sie müssen den Tag nicht mit einem Glas Wermut beginnen, aber einen besseren Auftakt für ein paar sonnige und bezahlbare Luxusstunden gibt es kaum. Wenn Sie, liebe Leserinnen, im Trend liegen wollen, sollten Sie jetzt auf den Wermut-Zug springen, es könnte bald zu spät sein, der Spiegel schreibt ja schon darüber. Richtig an dem Artikel ist, dass der Spanier eine lange und intensive Wermut-Tradition pflegt. Ich habe nach Jahrzehnten Grusel vor dem ekligen Martini-Gesöff der Jugend vor ein paar Jahren auf Mallorca Wermut schätzen gelernt. Kein Vergleich zu den langweiligen Klassikern wie Lillet oder Noilly Prat. Muntaner, so heißt mein Favorit, ist Lyrik auf der Zunge: komplex, bittersüß, mit langem Nachklang. Am besten in dem Spiegel-Artikel gefiel mir aber das Folgende:
„Ein, zwei Gläschen (Wermut, d. A.) trinkt der Katalane, Baske oder Galicier, um anschließend die nächste Bar aufzusuchen, Sherry oder Bier zu ordern, schließlich in einem echten Restaurant einzukehren.“
Wo er dann einen Rioja nach dem nächsten verklappt, im Wechsel mit Brandy, um weit nach Mitternacht brettlbreit nach Hause zu wanken. So kennen wir ihn, unseren Katalanen, Basken und Galicier: Zwischen Leber und Milz ist immer Platz für Wermut, Sherry und auch Pils. Der Katalane etc. hat im Zweifel gerade in Spanien ganz andere Sorgen als seine mühsam im Tourismusgewerbe Seuchenbedingt eben nicht verdienten Peseten sukzessive in Wermuterias zu verbraten. Gedanken, die dem von einem komplexen Wermut-Nebel umwallten Spiegel-Schreiberling aber eher fern sind.
Womit wir im Hier und Jetzt und in Berlin sind, wo die Demo der Corona-Idioten doch noch erlaubt wurde (Stand OVG Entscheidung). So gräbt sich der Rechtsstaat sukzessive sein eigenes Grab, indem er gewaltbereiten Faschisten Meinungsfreiheit zubilligt, nicht eingedenk des Satzes, der seine eherne Gültigkeit hat und hier mehrfach zitiert wurde: Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen.
Dass die Verbrecher, die in Berlin marschieren, seien es Esoterikerinnen, Verschwörungstheoretiker*innen, besorgte Bürger*innen, rücksichtslos als potentielle Superspreader die Gesundheit nicht nur von Älteren und Risikogruppen auch in ihrer Verwandtschaft und sonstigen Peer-groups gefährden, passt ins Bild und stellt ein missing-link zu Hardcore-Faschisten her: Sie alle eint das Primat des Survival of the Fittest. Wer die Seuche nicht überlebt, ist nicht lebenswert. Die von allen Esoterikerinnen, Nazis etc. so unfassbar geliebte Mutter Natur hat’s dann gerichtet, nur die Harten überleben im Garten. Vor dem Hintergrund solch vereinigender Ideologien können wir uns nur warm anziehen angesichts des nahenden Herbstes und Winters. Und Kistenweise Wermut einlagern.
Übrigens, liebe Leserinnen, wenn Sie mal dem Trend voraus sein wollen und gerne wissen möchten, was in ein, zwei Jahren „in“ sein wird: Rumtopf, und mit ihm excellenter Rum. Glauben Sie’s mir, ich bin nicht umsonst Chef der Geschmapo, der Geschmackspolizei.

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