03.09.2020 – Hohnsymphonie


Berlin, Boxhagener Platz. Mitten im Epizentrum der Disneyland-Partyzone Friedrichshain am „Boxi“ existiert immer noch diese randständige Widerstands-Insel , immer militant und radikal gegen Staat und Kapital. Die etwas schlicht gewirkten Entscheider*innen in Berlin wollen sowas natürlich räumen, platt machen, umwandeln in Eigentumswohnungen etc. Kreative Wirtschaftsförderer sehen auch solche Zonen als Inkubatoren und Experimentierfeld für neue Formen der Stadtentwicklung, des Wirtschaftens, der Kunst, von nichtplanbaren Lebensformen, die letztlich das Überleben des Prinzips „Metropole“ sichern. Und natürlich als Attraktor für Touris.
Und das mit dem Linksradikalen, das wächst sich auch im Laufe der Jahre aus, irgendwann machen die Pfiffigen von denen Karrieren in Stadtverwaltungen, Unternehmen und Politik, es wäre nicht der erste Steinewerfer von da, der Außenminister würde. Der traurige Rest endet als Alki, Drogi oder auf der Straße.
Für diejenigen, die tatsächlich den Traum vom anderen, solidarischen, kollektiven Leben und Arbeiten in der Stadt realisieren können, freut es mich umso mehr. Das war auch der einzige Grund, warum ich nach Jahren mal wieder in Friedrichshain, vulgo Fuckhain, abhing: zu gucken, ob diese Insel des Widerstandes noch existiert. Als Nebeneffekt fand ich den gerade stattfindenden Ökomarkt am Boxi durchaus witzig und spannend, das Zeug, was da angeboten wird, Insekten aus dem Wok und so Kram, kommt mit zwei, drei Jahren Verspätung auch auf Ihre Ökomärkte.
Natürlich wird da auch fleißig Kunst gemacht in solchen randständigen Zentren, gerne auch Schrottkunst, die ihren Namen zu Recht trägt.
Das ist übrigens von allen Motiven, Kunst zu machen, eines der ehrenwertesten: Bürgerliche Erwerbsarbeit zu vermeiden und trotzdem sozial nicht abgewertet zu sein. Künstler*in zu sein erfreut sich in den meisten Kreisen eines hohen Distinktionsgewinnes – außer in denen, wo es heißt: „Ach, Sie machen Kunst? Und was arbeiten Sie?“ Natürlich erfordert die Entscheidung, hauptberuflich auf Kunst zu setzen, eine extrem hohe Konsequenz-Bereitschaft. Das heißt im Normalfall Konsumverzicht, Einschränkung, Armut, in Zeichen der Seuche ist das unübersehbar. Was sich mit 30 als lässig-elegante Aura der Bohème wie eine Künstler-Monstranz vor sich hertragen lässt, ist mit 60 eher lebensverkürzender Schrecken. Dagegen steht der Schrecken der Erwerbsarbeit, die mitnichten Selbstverwirklichung bedeutet, sondern oft einfach monotone, gesundheitsgefährdende Plage ist. Das Geschwafel von Worklife-Balance kann in den Ohren der meisten abhängig Beschäftigten und kleinen Soloselbstständigen nur als Hohnsymphonie einer nach A 16 bezahlten, in Teilzeit und im Sabbatical befindlichen Beamten klingen.
Ach so, eins noch, liebe Genossinnen, die politische Betrachtungsweise des Virus auf Eurem Transpi oben ist ja soweit ok, aber dialektisch daneben. Hammer und Sichel standen nicht für Befreiung, sondern Kontrolle und Unterdrückung. Und das Virus-Schlimme am Kapitalismus sind eben nicht seine feingesponnen Kontroll- und Überwachungsinstanzen. Das Schlimme ist, dass er die Kontrolle und Überwachung in die Köpfe der Individuen verlagert hat. Das mit der Unterdrückung besorgen die Unterdrückten sich selbst, weil ihnen der Begriff einer autonomen Freiheit schon lange entwöhnt wurde. Die paar albernen Kameras oder neuerdings Algorithmen sind da nur Beiwerk zur Gewinnmaximierung, Beiwerk, auf das allerdings auch viele schlicht gewickelte Linke reinfallen, nach dem Motto: Uhh, der böse Überwachungsstaat. Die Unterdrückung fängt bei der Geburt im eigenen Kopf an und hört in der Kiste auf.
Wenn wir Glück haben. Wir sehen uns am Boxi, auf dem Ökomarkt, vor der Zielona Gora.

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