06.10.20 – Deine Leidenschaft galt dem Ziegel; dafür haben wir gebrannt.


Dem Chef noch post mortem in den Arsch zu kriechen, zeugt von perfekter marktförmiger Abrichtung. Selten aber las ich so eine mich verstörende Todesanzeige wie diese. Jede Silbe ein abgefeimtes Marketing Blabla, das in einer wahren Apotheose der Grunzdummheit endet, bei deren Lektüre mir die Tränen kamen – vor Lachen:
„Deine Leidenschaft galt dem Ziegel; dafür haben wir gebrannt.“
Vermutlich wurden die gebrannten Ziegel an den Köpfen dieser Tröpfe auf Bruchfähigkeit getestet. Man sieht es förmlich vor sich, wie dieser Albert Schweitzer des Brennwesens sich leidenschaftlich mit seinen Ziegeln im Bett wälzt, „fördernd und fordernd“. (Dieses Agenda-2010-Sprech in eine Todesanzeige zu pressen ist ebenso pathologisch wie bezeichnend für den Zustand unserer Gesellschaft).
Und so geht es ohne Unterlass weiter: „Hoch identifiziert und an einem Strang“. Über den Tod hinaus jede Formulierung aus der Realschul-Bewerbungsfibel für den kapitalistischen ideellen Gesamttrottel, bar jeden echten Empfindens und jeder Intimität, wie es sich für den Tod gebührte. (Im ersten ungläubigen Überfliegen hatte ich gelesen: hochinfiziert.)
Meine Lieblingsunterzeichnerin in der Anzeige ist Diana Dummich. Ein Name, der auf der Zunge zergeht, voller Rhythmus, Poesie und Wahrheit.
Das letzte Mal, als mir ein Ziegel auf den Kopf fiel, musste ich operiert werden, Dachschaden halt. Ich fragte vor der OP den Anästhesisten bänglich:
„Es wird doch alles gut werden?“
Die Antwort:
„Der Herrgott wird’s schon richten.“
Oje.

Diese Anzeige versöhnte mich mit meinem Lieblingsliteraturgenre „Todesanzeigen“.
In dem Sinne, Herrgott befohlen, liebe Leserinnen, passen Sie auf, wenn Sie an einem Strang sind, wo sich das andere Ende befindet, und wem Sie Ihre Leidenschaften widmen.

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