11.10.2020 – Alter verschwindet und Jugend hört nicht mehr auf. Oder: Auf mich hört ja wieder kein Schwein


Spielstraße in Volkach am Main. Die demographische Entwicklung schreitet flott voran. Ich rufe die Jugend der Welt nach Volkach. Brot und Spiele. Wobei es sich in Volkach um flüssiges Brot in Form von Frankenwein handelt, der das Elend der Welt leichter ertragen lässt. Irgendwie konterkariert diese Ausschilderung aber den seit Jahrzehnten grassierenden Jugendwahn unserer Gesellschaft, Motto: Alter verschwindet und Jugend hört nicht mehr auf.
Um auf allen Märkten des Lebens, von der Liebe bis zum Geld, foreever young konkurrenzfähig zu sein, unterwerfen wir uns fugen- und faltenlos dem Diktat der Worklife-Balance und der Wellness-Welt, Botox-Bataillone und Silikon-Geschwader (auch für Männer – lassen Sie sich vertrauensvoll beraten in Ihrem Zentrum für Intimchirurgie des Mannes) trotzen der Schwerkraft und dem Verfall – vermeintlich. Vergebens. Irgendwann senst uns alle Gevatter Hein mitleidlos ins kühle Grab.
Nicht alle gleich. Arme Männer beißen ca. 10 Jahre früher ins Grass als besserverdienende Geschlechtsgenossen, bei den Mädels sind es ca. 7 Jahre. Frauen leben gesünder und sind auf Grund der Verantwortung für die Aufzucht der Brut mit mehr Resilienz ausgestattet. Weder vor dem Virus noch im Tod sind alle gleich.
Wobei das mit dem Virus statistische Tücken hat. Seuchen der Vergangenheit haben uns gelehrt, dass es oft vorrangig Arme trifft. Beispiel Pest: das Decamerone verlegt die Handlung in ein Landhaus außerhalb von Florenz. In dieses Landhaus sind sieben Frauen und drei junge Männer vor der Pest geflüchtet. Ein Landhaus, die Flucht vor dem Pesterreger muss man sich leisten können (7 Frauen und 3 Männer, darunter hat es der Schwerenöter Boccaccio nicht gemacht. Männerphantasien im Spiegel der Jahrhunderte…) Die legendäre Choleraepidemie von 1892 in Hamburg traf vor allem den sozialen Brennpunkt Gängeviertel, über das Robert Koch sagte: „Ich habe noch nie solche ungesunden Wohnungen, Pesthöhlen und Brutstätten für jeden Ansteckungskeim angetroffen wie in den sogenannten Gängevierteln, …. Ich vergesse, daß ich mich in Europa befinde.“ Die Fallzahlen in Blankenese dürften geringer ausgefallen sein.
Bei Corona sieht das vermutlich etwas anders aus, nicht nur wegen des anderen Verbreitungsweges. Ich weiß nicht, ob meine ursprüngliche Vermutung zutreffen wird, dass Corona-Fallzahlen in sozialen Brennpunkten höher sind. Hauptursachen sind zur Zeit Reiserückkehrende, Familienfeiern und jugendliche Regelverletzer*innen bei Paahdys. Reisen muss man sich ebenso leisten können wie große Familienfeiern und Paahdymachen kostet auch Geld (wobei von da aus die Streuung vermutlich am gleichmäßigsten in alle Stadtteile erfolgt). Dass Menschen in Unterkünften, auf der Straße, mit schlechter Ernährung, Bildung etc. eher krank werden, ist offensichtlich, aber was die oben beschriebene statistische Verteilungsfrage angeht, bedarf es genauerer Untersuchungen.
Was sich jetzt schon abzeichnet, ist eine wachsende Spaltung zwischen Jung und Alt, die anders als bei der Rentenfrage realen Grund hat. Das vermeintlich demographische Rentenproblem ist eins von „Geld haben und kein Geld haben“, und nicht eins von Jung und Alt. Bei der Seuchenverbreitung hat diese Spaltung sehr wohl einen realen Kern und zusätzliche Spaltungslinien sind das Letzte, was wir uns leisten können. Also rufe ich die Jugend der Welt nicht nach Volkach sondern zur Vernunft.
Aber auf mich hört ja wieder kein Schwein.

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