15.10.2020 – Bakterien in einer Petrischale


Fremdenzimmer am Main. Ein weiteres Beispiel dafür, warum „Ausschilderung“ so viel mehr ist als reine geographische Orientierung, offenbart dieser Hinweis doch Abgründe in der mainfränkischen Seele. Zum Status des Gastes in Form eines „Gästezimmer“ reicht es für Herbergssuchende in dieser Gegend feiner Tropfen, aber fieser Eingeborener nicht. Zugereiste sind ehrlicherweise auch im Begriff auf das reduziert, was sie sind: Fremde und keine Gäste. Leute, denen man mittels Bocksbeutel an den Geldbeutel will. Nur die reine Ökonomie, die Geldgier schützt Reisende davor, dort dem anheimzufallen, was des Doitschen liebstes Hobby ist: Xenophobie. Ein schönes Beispiel dafür, wie der Kapitalismus vor Fremdenfeindlichkeit vulgo Rassismus schützt. Das Geschäft darf durch nichts gestört werden, auch nicht durch Rassismus. Wer in deutschen Betrieben rassistisch agitiert, fliegt raus. Nicht aus Menschenfreundlichkeit, dafür ist der Kapitalismus eher nicht bekannt, sondern wegen Störung des Betriebsfriedens, weil er den Gang der Geschäfte stört.
Das Fremdenzimmer-Luxusangebot mit Dusche und WC hat sich offensichtlich nicht am Markt durchsetzen können.
Wir aber verlassen die faszinierende Welt der Ausschilderung und der ansonsten zauberhaften Maininsel mit coronösem Bedauern, verbieten sich Reisen doch unter dem Vorzeichen explodierender, aber noch nicht exponentieller Fallzahlen: 6.638, das ist doch mal ne Hausnummer. Wer bietet mehr? Der morgige Tag. Und unsere Nachbarn. Ob das so bleibt?
Der Blick auf die aktuelle Inzidenzkarte erinnert mich an Bakterien in einer Petrischale. Gestern schimmerte die Schale noch hell, unschuldig und unbeleckt vom Seuchengeschehen, heute schon wabern bösartig dunkle und dunkelste Kulturen hoher Fallzahlen das Petri-Gefäß voll, höhnisch die Betrachterin anlachend: Pass bloß auf, sonst bist Du dran, beim kleinsten Fehler. Mein Lieblingslandkreis BeClopptenburg liegt bei einer 14-Tage-Inzidenz von 207 pro 100.000, doitscher Rekord, sieht man mal von Hort und Heimat aller Vollidioten ab – Berlin-Neukölln.
Wunder über Wunder, ein paar km Luftlinie weg von BeClopptenburg liegt die Zahl bei 2, im Landkreis Lüchow; Heimat des Wendlandes, Ort des Widerstandes gegen Gorleben und Domizil so vieler Alternativer. Gibt es da einen Zusammenhang? Ich liebe Statistiken. Auch Freunde von mir wohnen im Wendland, ich könnte ich mich, im schlimmsten aller statistischen Fälle, nach da durchschlagen und dann, in der alternativen Quarantäne, mein Magnum Opus vollenden: Sitten- und Kulturgeschichte der Ausschilderung. 1.000 Seiten, der Brüller auf der nächsten Buchmesse.
Bis dahin lege ich allen Leserinnen die Corona-Weisheit von St. Angela (vom 18.03) ans Herz: Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst.
Die Frau hat sowas von recht, wenn sie sauer ist über die nicht ausreichenden Beschlüsse bei der Bund-Länder-Konferenz gestern.
Wenn ich diese Bande vertrottelter Länderchefs da sehe, frage ich mich, warum ich kein MP geworden bin. Dafür hätt’s allemal gereicht.
Ich werde Angela vermissen.

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