09.01.2021 – Reflexion über Orte von Sehnsucht


Ich wohne an einem Hafen. Der ist zwar eher niedlich, im Schnitt läuft hier ein Drittel Schiff pro Tag aus (2018), aber er hat alles, was zu einem Hafen gehört:

Wasser, Hafenbecken, Kräne, Schleuse, Industrieareal drumherum. Eine Hafenschänke gab es auch mal, schräg gegenüber von meiner Homebase, da verkehrten gerüchteweise Nazis, heute ist da eine Shishabar. Es mag angesichts der Dimension dieser Drittelschiffanlage und im Vergleich zum famosen Hamburger Hafen lächerlich klingen, aber jedes Mal, wenn ich am hiesigen Areal vorbeikomme, ergreift mich ein leises Hafengefühl, eine Mischung von Sehnsucht nicht unbedingt nach großer, aber anderer Welt, von Melancholie, die über Orten von Abschied oft schwebt und von Zuversicht, es ist Leben in der Welt, es passiert was. Ein, zweimal im Jahr mache ich sogar eine Tour durch das Hafenareal, bevorzugt am Sonntag, wenn eine postapokalyptische Stille über dem ganzen Areal liegt und es zu einem archaischen, sterbenden Metallkörper macht. So weit so sensibel.
Oft werden in Reiseberichten und ähnlichem Gesülze Häfen mit Bahnhöfen und Flughäfen in einen Topf gerührt und unterschiedslos zu Orten von Sehnsucht, Abschied, Aufbruch, Begegnung, Verlockung etc. hochstilisiert. In meiner Wahrnehmung gibt es da gewaltige Unterschiede. Bahnhöfe, so sie sich in Metropolen befinden, sind entweder Konsumtempel mit inkludierter Hektik, Gereiztheit, Fußballterroristen und angeschlossener Dauerverspätung. In der Provinz sind Bahnhöfe Orte depressivster Einsamkeit und unbeschreiblicher Hässlichkeit, die nur einen Wunsch auslösen: Nach einem schnellen Tod. Flughäfen sind einfach gefühlsferne Orte von kalter Transport-Funktionalität, die nur einen Wunsch erwecken: So schnell wie möglich von A nach C zu kommen.
Häfen sind siehe oben und haben einen unschätzbaren Vorteil: In ihnen ist man an der meist frischen Luft und es weht der Duft der großen, weiten Welt um die Nase. Also krebserzeugender Diesel, aber welches Leben ist schon ohne Risiko.
Das ging mir bei meinem letzten Power-Walk längs des obigen Hafens durch den Kopf, als ich innerlich angesichts des Gruselgriesel von Schnee, Regen und Abgasen bei Null Grad und Ostwind darüber greinte, dass Reisen, wohin auch immer, zurzeit keine Option sind.
Dieses Greinen und Jammern ist kontraproduktiv, es erzeugt nichts weiter als eine sich selbst verstärkende Negativspirale. Es gilt, von den alten Römern zu lernen, die Stoa postulierte schon vor über 2000 Jahren heitere Gelassenheit und emotionale Selbstbeherrschung als Maxime. So schritt ich weiter heiter fürbass, auf den Pfaden Marc Aurels und des Lindener Hafens wandelnd.
Aber ach, all mein Stoizismus ging auf dem hiesigen Boulevard flöten, wo natürlich Maskenpflicht gilt, als ich eine Bekannte traf, die irgendeinen Lappen oder Rollkragenpullover als Gesichtswindel hochgezogen hatte. Können sich die Leute nicht einfach mal an Regeln, Vernunft und Empathie halten und ihre verfickten Scheiss-Hackfressen mit FFP 2 bedecken? Es wird Sie, liebe Leserinnen, vielleicht überraschen, aber in mir quollen irgendwie negative Vibrations empor …
Was hätte Marc Aurel jetzt gemacht?

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