14.03.2021 – Naive Rachegelüste


Plakat an einem Altglas-Container, Hannover. Nicht nur in Berlin erzählen Plakate Geschichten von einer anderen Welt. Ideologiekritisch könnte man hier einiges bemäkeln, ein angestellter Chef wäre z. B. auch nur besser bezahlter Lakai des Kapitals. Darüber hinaus stellt sich angesichts vom am Firmament heraufziehendem Seuchen-Armageddon und sich selbst verstärkenden Klimakatastrophen schon die Frage nach dem Klassenübergreifenden Interesse am gattungsgeschichtlichen Überleben der Spezies Mensch. Aber diese Kritik zielt am Medium Plakat vorbei, das von Zuspitzung, Verkürzung, Dramatik, Verständlichkeit, Irritation und Akzeptanz lebt. Ellenlange Bleiwüsten, so informativ sie sein mögen, verfehlen da ihren Zweck. Für vertiefende Infos beim Medium Plakat hat heutzutage jede auf ihrem Handy einen QR & Barcode Scanner. Das fehlt auf den Plakaten, es ist eine ganze Serie, noch, aber ansonsten sind da Profis am Werk, medial auf der Höhe der Zeit, mit Drohnenästhetik arbeitend, nicht mit altlinkem Kitsch behaftet, der auf Plakaten gerne mal den zornigen Proleten mit geballter Faust und Schraubenschlüssel zelebriert. Gruselig. Auf diesem Plakat ist – zeitgemäß – das digitale Prekariat Ikone und Ziel zugleich.
Und was mich am meisten freut: Lauter junge Leute, die hier teilweise fröhlich durch meinen Kiez hopsen. Von wegen, die Jugend taucht nix. Es gibt sie noch, die Engagierten, die ein bisschen anders drauf sind als Karriere-Jusos, wo Kevin Kühnert schon als Ausbund kritischen Bewusstseins gefeiert wird (Von korrupten Hanswursten wie Philip Amthor ist hier nicht die Rede, solche Kreaturen sind nicht satisfaktionsfähig). Kevin, wir sprechen uns in zwei Legislaturperioden wieder, wenn Du dann im Sozi-Vorstand sitzend Olaf-Scholziaden von Dir gibst. Wenn die SPD bis dahin noch im Bundestag ist.
Meine Wette für die Wahl heute in Ba-Wü: SPD unter 10 Prozent. Ich hoffe, ich liege falsch. Nichts wäre falscher als in naiven Agenda 2010-Rachegelüsten schwelgend der SPD den Untergang zu wünschen angesichts der Alternative, die eine für Deutschland ist und damit in den brauen Sumpf führt. Der Claim auf dem Plakat trifft es schon, die ideologische Funktion des Fußballs auf den Punkt gebracht: Panem et circenses, die Vertuschung des Klassenkonfliktes.
Solange es junge Leute wie die von direction f gibt, die das engagiert und kreativ auf den Punkt bringen und über den Horizont von weißen. alten Männern wie mir hinaus entwickeln, besteht noch ein Funken Resthoffnung.
Mann, das war ja wieder ein Wort zum Sonntag. Ich sollte Wanderprediger werden. Frost- und Frustfreien Start in die Woche, liebe Leserinnen.

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