07.04.2021 – Leckt mich doch am Arsch


Vorgarten oder Vorhölle – Anzeichen eines Peter-Pan-Syndroms?
Um diese Jahreszeit ist Aufräumen angesagt, innerlich, aber auch in Schubladen. Dabei fiel mir ein Karton mit alten bedruckten T-Shirts in die Hände. Bis weit in die Achtziger war es schwer in Mode, seine politischen Überzeugungen und, schlimmer noch, seine vermeintliche Originalität mittels Auto-Aufkleber, Buttons oder bedrucken T-Shirts öffentlich zu Markte zu tragen. Das Ganze erinnerte irgendwie an aufgeregte, fingerschnipsende Quintaner: „Herr Lehrer, ich weiß was! Auf dem Scheißhaus hat jemand das Licht angelassen. Und ich hab’s wieder ausgemacht!“ Also ein leicht wichtigtuerisches Gehabe, mit dem Bemühen, hervorzustechen, irgendwie anders zu sein, aber bloß nicht zu sehr, doch lieber aufgehoben in Massenkompatibilität, und das alles in Verbindung mit der unstillbaren Sehnsucht nach Anerkennung, Liebe. Nehmt mich wahr und lasst mich mitspielen. Meistens gepflegt von Männern.
Auch wenn dieses Posen normalerweise mit dem Erreichen des magischen 30. Geburtstags ausklingt und in den 90ern noch schrecklicheren Attitüden wie dem Körperwahn in Fitnessstudios wich, fällt es doch unter die Kategorie: Peinlich wie ein Furz im Fahrstuhl.
Umso schlimmer, als ich offensichtlich Teil dieser Bewegung war. Natürlich nicht mit Politparolen, davor hielt meine Stilsicherheit mich denn doch ab. Aber zumindest mit einem Donald Button. Bis weit jenseits der 30 trug ich sowas stolz wie ein Indianer seinen Beute-Skalp. Kreisch Brüll Jammer jaul.
Genug der klebrigen Jugendsündenbekenntnisse. Heutzutage werden Buttons nur noch bedruckt an Wahlständen von Parteien und Info-Tischen von Wohlfart-Verbänden (das ist kein Schreibfehler, darauf können Sie Einen lassen!) und Motiv-T-Shirts können in größerer Anzahl überwiegend besichtigt werden an Strandpromenaden auf Malle und ähnlichen Orten. Die allerdings sprengen so sehr jedes Schamgefühl, dass ich vor Jahren, nach meiner großen Foto-Serie „Menschen im Süden mit Sackkarren“, eine begann mit Motiv-T-Shirts. Auslöser war eins mit „Gleichberechtigung ist, wenn die Weiber auch mal einen ausgeben“. Sicher, AfD Humor, bevor es die Partei gab, aber im Umfeld von Schädel-Sprengern wie „Bier und Mett formten diesen Körper“ mit abgebildeten Bierhumpen und Mettklumpen, über monströsen Männerplautzen, doch von so hervorstechender Eloquenz, dass es den Impuls für eine Foto-Serie gab.
Liegen im hier Geschilderte Symptome des Peter-Pan-Syndroms? Und was wäre schlimm daran, sich dem Erwachsenwerden zu verweigern, abgesehen von einer gewissen Würdelosigkeit, Flucht vor Verantwortung und pathologischer Sucht nach Anerkennung und Liebe?
Unter anderem Lieder wie „Forever young“ von Bob Dylan, ein unfassbarer Müll aus Kitsch, Pathos und reaktionärem Gegreine.
Das darf man als 16jähriger verliebter Pennäler putzig finden, aber bestimmt nicht als Erwachsener. Also, Jugend der Welt, hergehört: Ab 21 lautet das Motto: „Growing older in dignity“!
Nichts ist übrigens einzuwenden gegen Werbe-T-Shirts für eigene Projekte. Ich schreibe gerade an einem Ratgeber mit dem Titel: „Leckt mich doch am Arsch – 99 Wege zu mehr Gelassenheit in Krisenzeiten!“ Wenn der auf dem Markt ist, trage ich selbstverständlich ein T-Shirt zu jeder Gelegenheit mit dem Aufdruck:
Leckt mich doch am Arsch!

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