28.05.2021 – Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen


On air. Auf Sendung. Digital. Unlängst bei einer Livestream-Diskussion zum Thema „Wohnungsnot“ des hiesigen soziokulturellen Zentrums Pavillon.
Wenn Sie sich fragen, liebe Leserinnen, warum die Grünen einen derartigen Lauf haben: Das liegt auch an der organisierten Struktur unserer Zivilgesellschaft, z. b. in Form von NGOs. Ich muss es wissen, ich arbeite für eine. So gibt es neben vielen anderen Landesarbeitsgemeinschaften eine LAG Soziokultur in Niedersachsen https://www.soziokultur-niedersachsen.de , ein – neben vielen anderen – genuines Kind der Grünen. Entstanden ist diese Sozio-Kultur aus den radikalen autonomen Jugendzentren der 70er. Aus Kindern werden Leute. Diese NGOs prägen natürlich die Alltagswelt mehr als sämtliche Arbeitskreise der SPD. Ob diese Pazifizierung und Kanalisierung subkultureller, rand- und widerständiger Strömungen der Gesellschaft nicht auch an Verlust ist?
Fakt ist, dass ich nächsten Monat die ersten Live-Veranstaltungen seit Monaten habe, wann die letzte war, weiß ich gar nicht mehr. Verloren. Analoge Diskussionen, mit leibhaftigem Publikum. Natürlich laut Veranstalter unter Wahrung der Hygienestandards. Dazu muss ich das Homeoffice verlassen und mit Öffis reisen, teils Stunden (Niedersachsen ist ein Flächenland). Ich schätze solche Veranstaltungen über alle Maßen. Ein Publikum ist immer auch ein lebendiger Organismus, insofern ist eine derartige Veranstaltung auch sinnlicher Akt und politische Bildung at its best, 10x nachhaltiger für alle Beteiligten als Buchlektüre (wenn’s gut läuft … ).
Aber ich habe keine Erinnerung mehr, wie sich sowas anfühlt. Ich hab’s eigentlich auch nicht mehr vermisst. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, richtet sich in die ödesten, ja bedrohlichsten Umstände ein, redet sie sich schön und behaglich und will am Ende gar nicht mehr anders. Ähnlich ist das mit Reisen, Restaurants, Kulturveranstaltungen. Deren Fehlen wird immer mehr zu einer abstrakten Kopferinnerungserkenntnis als zu einer körperlichen Sehnsucht. Geht doch auch so.
Ob der Appetit beim Essen wiederkommt? Eben fielen mir in meinem Schreibtisch zwei Briefmarken in die Hand. Eine aus dem Internet, prosaisch s/w, mit Barcode, eine bunt, vor Seuchenzeiten am Postschalter gekauft. Was’n analoger Anachronismus, wegen sowas das Haus zu verlassen, gar Schlange zu stehen, Lebenszeit vergeuden mit Leuten, die schlecht riechen. Und Aerosole verbreiten. Das muss ich bestimmt nicht mehr haben.
Bleibt die Frage: Was bleibt vom alten Leben, wenn das Gorgonenhaupt der Seuche seine Schrecken reduziert? Und was verschwindet? Ohne Bedauern? Immer mehr Fragen.
„.. Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen …“

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