03.06.2021 – Archäologie des Alltags.


Hannöversches Stadtmagazin Schädelspalter 13. August 1992 mit Terminhinweis zur SCHUPPEN 68 Performance im Gedenken an den Mauerbau 1961 in der Ostzone. Fazit: Sobald die Mauer wieder steht, gibt’s Freibier und Erbsensuppe bis zum Abwinken.
Diese Aktion ging mir durch den Kopf, als ich unlängst mit einem Altgenossen (so wie ich und alle verständigen Genossinnen natürlich Mitglied keiner Partei; man schaue sich nur die Lafontaine-Posse im Saarland an…) darüber räsonierte, dass sich dieser Freudentag heuer zum 50sten mal wiederholt und das doch gebührend gewürdigt werden müsste. Wir ventilierten kurz die Idee, am 13.8 am Brandenburger Tor eine Mauer hochzuziehen, mehr symbolisch, aus Umzugskartons, für die Medien, die Touris und zur eigenen Belustigung. Ich hab ja noch zwei, drei Mauern im Archiv, zum Beispiel die hier

Aktion vor dem Landtag.
Das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt am Sonntag wird die Notwendigkeit der Wiedererrichtung der Mauer auf das Nachdrücklichste unterstreichen: Fast 30 Prozent werden Nazipartien wie AfD, NPD, die Rechte etc. wählen. Die Hälfte der CDU- und FDP-Wähler*innen und Abgeordneten ist im Gemüt schon so angebräunt, dass die Übergänge zu den Nazi-Originalen fließend sind. 40 Prozent gehen erst gar nicht zur Wahl, vermutlich weil ihnen das Nazi-Angebot zu lau und liberal ist und sie lieber gleich Adolf Hitler als MP hätten. Die Mehrheit in Sachsen-Anhalt und in der gesamten Ostzone ist auch nach 30 Jahren noch antidemokratisch eingestellt und daran wird sich in den nächsten 30 Jahren nichts ändern. Also Mauer wieder hoch, bevor das Virus „uns“ im Westen auch noch durchseucht.
Eiserne Vorhänge, Mauern in Gesellschaften, materiell oder unsichtbar, sind langlebig. Italien z. B. existiert als Nation seit 150 Jahren und die Mauer zwischen dem Norden und dem Mezzogiorno wird eher immer höher. Die Lega Nord mit der Programmatik der Abtrennung des Nordens ist die älteste noch existierende Großpartei in Italien.
Also ehrlich machen, weg mit dem Tabu-Schleier und konsequent und radikal die Wiedererrichtung der Mauer angehen.
Was bleibt, ist die Bewunderung für mein verdienstvolles Kollektiv von Werktätigen, Kulturschaffenden und Faulpelzen SCHUPPEN 68 für das mutige, verdienstvolle Avantgarde-Vorgehen, womit man sich im Nationaltaumel von 1992 nicht nur keine Freunde machte, sondern den eigenen Aufstieg nachhaltig bremste. Wenn Sie, liebe Leserinnen, sich schon immer gefragt haben, warum ich z. B. nie auf einer Documenta vertreten war oder eine Einzelausstellung in der Tate Modern hatte: Hier haben Sie die Antwort.
Und wenn Sie, liebe Leserinnen, wissen wollen, was vor bald 30 Jahren im TV und auch sonst in der Gesellschaft so lief, viel Spaß bei der Lektüre der Schädelspalter-Seite, virtuelle Alltags-Archäologie sozusagen.

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