05.06.2021 – Ich werd mir auch mit Botox die Hackfresse aufpimpen lassen.


Welche Corona-Krisen-Phrase ist hier abgebildet? Eine Hilfestellung gebe ich: In der Antwort kommen die Begriffe „Licht“, „Ende“ und „Tunnel“ vor. Und nein, es ist nicht: Wir schaffen das.
Vor Monaten habe ich ein Dokument mit dem Namen „Konsumliste“ angelegt, in dem ich die Dinge notierte, die ich kaufen wollte, wenn das wieder analog möglich ist. Im Internet z. B. Socken zu kaufen, wär mich irgendwie zu blöd. Man kann’s auch übertreiben. Und Socken sind mir ausgegangen, was bei „Socken“ der passende Begriff ist. Ich weiß nicht mehr, ob ich den Begriff „Konsum“liste selbstironisch verwendet habe, wie ich es überhaupt beruhigend finde, dass ich oft nicht weiß, wenn mir alte Blogeinträge unter die Augen kommen, ob ich die damals ernst gemeint habe. Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst. Aber wo verläuft da die Trennlinie?
Nun ist es an der Zeit, die Liste abzuarbeiten. Zwischenzeitlich hatte ich mich drauf gefreut, das Reich der Freiheit wieder Fuß um Fuß betreten zu können, Konsum, Restaurants, Reisen, Freunde treffen, etc. pp. Aber nun, wo es real wird, merke ich, wie sehr ich mich in den Seuchenmodus gefügt, es gar genossen habe, dass mir das Unabänderliche die Wahl der Entscheidung abnahm. Das Reich der Freiheit ist immer auch eins der Verantwortung und Entscheidung: was mache ich jetzt? Und da ist die viel Wichtigere noch gar nicht gestellt: Warum mache ich das?
Und wer wird demnächst den Käse zum Bahnhof rollen?
Es stehen also wieder, wie zu Seuchenbeginn, grundsätzliche individuelle und gesellschaftliche Veränderungen an, die im Moment noch allenthalben bejubelt werden, aber wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe. Ich erinnere an den Kanarienvogel, dessen Käfigfenster offensteht, und der gar nicht daran denkt, in Freiheit zu fliegen. Weiß er, dass Tiere bei Käfighaltung in Zoos oder Haushalten meist wesentlich älter werden als in Freiheit?
Jetzt werden Sie, liebe Lesegemeinde, verstehen, warum ich seit Tagen aus ethisch zutiefst begründeten, wenn auch umstrittenen Motiven des Freiheitsdiskurses diese fucking Scheißliste vor mich herschiebe: Blöde Socken. Und wo ich das schreibe, muss ich mich zur Ordnung rufen. Was bin ich für ein Jammerlappen. Andere sind in krank geworden, haben Long-Covid, Angehörige im Pflegeheim, gar verloren, sind in ihrer materiellen Existenz bedroht, usw. usf. und ich erzähle hier einen von der Socke. Also Ende Gelände, ich will ja morgen noch in den Spiegel gucken.
Und wieder 5 Euro ins Phrasenschwein. Was selbst ne ätzende Phrase ist. Und den Spiegel brauch ich auch gar nicht. Dafür hab ich Zoomkonferenzen. Wo der Spiegel lügen kann, mittels Licht, Kopf wegdrehen oder einfacher Flucht, sagt Zoom erbarmungslos die Wahrheit, zwei Stunden am Stück. Ich kann nachvollziehen, dass durch die ständige Konfrontation mit dem eigenen Zoom-Gesicht die Schönheits-OP-Diskussionen zusätzlichen Schub kriegen. Ich werd mir auch mit Botox die Hackfresse aufpimpen lassen. Noch vor den Socken.

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