11.06.2021 – Nämlich Oldenburg


Irgendwo in Oldenburg. Diesen Phahl im Vordergrund kann man sich nicht ausdenken, sowas serviert nur die Wirklichkeit.
Dass mir Oldenburg mal als süße Verheißung von frischer Freiheit und frohem Flaneurtum unterkommen würde, hätte ich prä-pandemisch nie gedacht. Ist aber so. Meine erste Reise – der Zustand von Reise tritt für mich immer dann ein, wenn es im Reisegefährt zur Lektüre eines Journales und dem Verzehr einer Brotzeit kommt – seit x Monaten führte mich auf dienstlichen Pfaden nach Oldenburg. Hatte ich vor kurzem noch darüber räsoniert, dass die Einschränkungen durch die Seuche zu einer mählichen Akzeptanz, ja förmlichen Begrüßung dieses freudlos-reizreduzierten Lebens, dieses monatelangen Vagabundierens auf den ewig gleichen Pfaden mit dem Anblick der ewig gleichen Bilder, Eindrücke, Perspektiven führen würde, einfach weil der Mensch durch die normative Kraft des Faktischen so niedergedrückt wird, dass nur eins bleibt, um nicht Schaden an der Seele zu nehmen: Sich fügen in das Unabänderliche, so kam es unlängst ganz anders. Nämlich Oldenburg.
Freiheit. Abenteuer.
Dieses Prickeln im Gemüt beim Besteigen des Zuges, diese staunende Begrüßung des vorbeisausenden Grünpanoramas, dieses zögernde Herumtapsen beim Umsteigen, dieses wohlige Erschauern beim Begrüßen analoger Humanoiden, dieses adrenalinige Rauschen in den Adern bei den schier nicht mehr für möglich gehaltenen Worten meines Intros: „Ich bedanke mich für die Einladung, freue mich, hier und heute teilanalog zu sein und begrüße jetzt auch die hybrid Zugeschalteten.“ Oder so ähnlich.
Worte von derartig historischer Tragweite, jedenfalls für mich, formuliert man nicht vor, die muss einem der Genius loci eingeben. Von daher möchte ich lieber nicht wissen, was ich da wirklich von mir gegeben habe.
Solche Reisen nutze ich, wann immer möglich, zu kurzen Momenten des Flanierens und sei es für ein Stündchen. Kein Ort der Welt kann so erbärmlich sein, dass er im freien Fluten des Weges nicht wenigstens ein Bild hergibt, das bisher ungekannt war, einen winzigen, kleinen Eindruck, der für einen Moment den Denkapparat anregt, das Humorzentrum reizt oder das Ästhetikempfinden in Wallung bringt. Wie dieses Dach einer ehemaligen Tankstelle aus den 50ern in Oldenburg. Ja, in Oldenburg.

Diese über alle Maßen kühn-reduzierte, schwungvolle Dynamik der Konstruktion, die in ihrer Fröhlichkeit laut zu rufen scheint: „Willkommen, Du offene Welt voll Modernität und Freiheit.“
Oldenburg, weißt Du überhaupt, welch seltene Preziose Du da in den Mauern beherbergst? Ich hoffe, das Teil steht unter Denkmalschutz. Ich aber hatte in Oldenburg den Glauben an eine Welt voller Möglichkeiten wiedergewonnen. Das Leben hat noch was im Köcher.
Auf dem Nachhauseweg ließ ich mich dergestalt noch zu ein paar Reflexionen über das magische Viereck der Zivilisation hinreißen: Reisen, Konsum, Kultur und Demokratie. Ein ambivalent-ideologisches Viereck voller Verheißungen, jedoch im Kern auch mit der Sprengkraft des eigenen Untergangs versehen.
Macht aber nix. Hauptsache Sommer.

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